Unterwerfung als Utopie?

Fiktion als mögliche Welt in Michel Houellebecqs UNTERWERFUNG (2015)

 

Houellebecqs aktueller Roman UNTERWERFUNG stellt die westliche Welt auf den Kopf: In einem fiktionalen Szenario führt er aus, wie eine der möglichen Welten zum demokratischen, laizistischen Frankreich nach dem Prinzip der Aufklärung liberté, égalité, fraternité aussehen könnte. Der Roman ist provokant. Unbequem. Manche würden behaupten: gewagt oder gar verstörend. Denn Houllebecqus vorgeführtes Gedankenspiel verleitet zu der Frage, ob nicht genau dieses in Wahrheit die Beste aller möglichen Welten ist: eine Utopie?

 

 

Im Jahr 2022 wählt die französische Gesellschaft auf demokratischem Wege eine islamische Regierung. Es folgt eine Abkehr vom Laizismus und eine Hinwendung zum islamischen Glauben in allen Lebensbereichen: eine Unterwerfung. Der Mann unterwirft sich dem Willen Gottes. Die Frau unterwirft sich dem Willen des Mannes. Freiheit, Gleichheit und Souveränität, das Gedankengut und der Idealismus der Aufklärung, der Feminismus – von all dem wird sich abgekehrt. Das Patriarchat kehrt zurück.

 

Der Antagonismus, den Houellebecq verfolgt, ist der zwischen der faktischen Welt der Freiheit und einer kontrafaktischen, möglichen Welt der Unterwerfung. Die faktische Welt, in der die Freiheit als das höchste Gut gilt, in ihr ist „[d]ie Freiheit der Person […] unverletzlich“ (Art. 2 Abs. 2 GG). In ihr herrscht Unordnung. Chaos. Verwirrung. Wo ist der eigene Platz? Wo gehöre ich dazu? Wo hin? Wer bin ich? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht determiniert: alles ist möglich. Jedes Ich ist frei. Ein jedes Ich besitzt die freie Entscheidungsbefugnis über seinen Lebensweg – freilich mit der Einschränkung einer ganz und gar idealistischen Auffassung von Freiheit.

 

In einer möglichen Welt, in der die Untwerfung als die leitende Maxime gilt, in ihr herrscht Ordnung. Struktur. Klarheit. Der eigene Platz ist vorgegeben, determiniert. Fragen der Freiheit stellen sich in einem solchen System nicht. Ein „sich-Ausprobieren“, eine Phase der Selbstfindung, ein „sich-selbst-Kennenlernen”, eine Selbst-Erkenntnis – all dem kann keinerlei Relevanz mehr zugesprochen werden. Es ist nicht mehr von Belang. Ja, stärker noch: Es ist gar nicht mehr existent. Man weiß intrinsisch um seine Selbst-Identität, seinen Platz, seine Aufgabe in der Gesellschaft. Ähnlich einer stratifikatorischen Gesellschaftsdifferenzierung nach Luhmann, die dem Prinzip der Ständegesellschaft folgt.

 

Ist nun das Szenario der möglichen Welt in Houellebecqs UNTERWERFUNG die eigentlich Beste aller möglichen Welten? Ordnung, Systematik, Einfachheit im Austausch zur eigenen Freiheit – wohlgemerkt die der Frau und des Mannes. Das Prinzip der Unterwerfung also als Utopie? Man könnte nun eine Liste mit dem Für einer Welt der Freiheit auf der einen Seite und dem Wider einer Welt der Unterwerfung auf der anderen Seite aufführen. Ein notwendig allgemeingültiger Konsens scheint hierbei unerreichbar, sinnfrei, wenn nicht gar anmaßend. In jedem Falle aber schlicht unnötig.

 

Viel interessanter scheint die Frage, ob eine mögliche Welt der Unterwerfung, wie sie Houellebecq in seinem Roman entwirft, wirklich den Eigenschaften einer möglichen Welt entspricht oder ob wir uns vielmehr an einem „point of no return“ befinden: Der Schritt zum Prinzip der Aufklärung – liberté, égalité, fraternité – ist gegangen. Der Schritt von einer stratifikatorischen Gesellschaftsdifferenzierung, in der die gesellschaftliche Rolle des Individuums determiniert ist, hin zu einer funktional differenzierten, in der jedes Individuum – prinzipiell – jede Funktion in jedem System bestreiten kann, dieser Schritt ist vollzogen. Es kann kein „Zurück“ mehr geben. Alea iacta est – die Würfel sind gefallen. Oder nicht?

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