Szenen der Gleichförmigkeit

Eine bedrückende Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders und Michael Fenglers WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? (1970) an den Münchner Kammerspielen (Premiere 2014)

 

Auf der Bühne sieht man bei WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? in absurd und bizarr dargebotenen Szenen ein Leben der Gleichförmigkeit, der Monotonie, der Fremdbestimmtheit und der absoluten Austauschbarkeit vorüberziehen. Das Publikum lacht. Oft und laut. Das verwundert: Zeigt Susanne Kennedys Inszenierung nicht das Groteske als Realität, als modernes gesellschaftliches Dilemma? Ist das wahrhaft Groteske nicht vielmehr das Lachen?

 

Mit Masken stehen die Schauspieler da. Ein verstörendes Bild. Ausdruck und Mimik: Sie werden dem Zuschauer verborgen. Sind sie überhaupt da? Jegliche Gesichtskonturen verschwinden in der Gleichförmigkeit der Gesichtsmaskerade. Augenbrauen in ihrer Funktion als Individualitätsausdruck, als Erkennungsmerkmal, als individuelle Formgebung eines jeden Gesichts: Sie fehlen. Stille. Bedrückende Stille. Ein beklemmendes Gefühl. Die Gestik: Abgehackt. Statisch. Maschinenhaft. Surreal. Die Sprache: Sie stockt. Sie verliert sich in Lappalien. Inhaltsleer. Die Sprache als metaphorischer Spiegel der Masken und Gestiken. Völliger Einklang der auditiven und visuellen Wahrnehmung.

 

Die Schauspieler wechseln. Gleich drei verschiedene Herr R.’s sieht man zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf der Bühne. Doch versucht sich diese Auswechselbarkeit zu verschweigen: Jeder Herr R. trägt das gleiche weiße T-Shirt, die gleiche dunkelbraune Lederjacke, die gleiche blaue Jeans. Und dennoch ist die Substitution allgegenwärtig. Auch die Figur der Frau R. wechselt zwischen der Darstellung zweier Schauspielerinnen. Das Individuum verschwindet in einer Monotonie, in einer Gleichförmigkeit. Herrn R. und seiner Frau wird nicht einmal ein Name zugestanden: kein Vorname, nur ein Initial als Nachname. Die Entindividualisierung ist damit komplett. Alles und jeder ist austauschbar.

 

Das Bühnenbild ist ein karger, holzgetäfelter Raum. Einzig zwei hoch gelegene, kleine Fenster bieten (mehr oder weniger) einen Blick nach draußen – vielleicht sogar eine (Zu-)Flucht, einen Ausweg aus der dahinsiechenden Monotonie? Doch dafür sind die Fenster zu hoch und zu klein positioniert. An der anderen Seite des Bühnenraumes ist in etwa gleicher Höhe ein Fernsehgerät angebracht. Es zeigt Szenen aus einem kargen, holzgetäfelten Raum: Eine mediale Wiederholung des Gefängnisses, ein doppeltes Gefängnis, ein doppelt verwehrter Ausweg. Das Fernsehbild wechselt und zeigt Straßenaufnahmen. Weder dort, noch im holzgetäfelten Raum auf der Theaterbühne oder in seiner medialen Spiegelung im Fernsehbild passiert etwas. Die Trivialität und Belanglosigkeit ist allgegenwärtig.

 

Szenenwechsel: Eine Leinwand zieht sich vor das Bühnenbild. Auf ihr sieht man den kargen, holzgetäfelten Raum. Das Gefängnis wächst und ist jetzt verdreifacht: Erst im Bühnenbild des Theaters, dann im (kleinen) Fernsehbild und schließlich im Bild der Kinoleinwand, das die gesamte Bühne vereinnahmt. Was wird hier dem Zuschauer eigentlich präsentiert: eine Adaption vom Film zum Theaterstück oder doch umgekehrt? Die Wahl des Mediums scheint beliebig; das Gefängnis ist überall. Diese Wechsel des Mediums spiegeln die Willkür des Schauspielerwechsels wider und zeigen damit abermals: Das Individuum wird austauschbar.

 

Und dann die Morde: Sie geschehen leise. Still. Ohne Wehr. Ohne Regung. Kalt. Sie passieren einfach. Hätte Herr R. anders handeln können? Nein. Es war der einzige Ausweg aus einem allgegenwärtigen, erdrückenden Gefängnis. Aus seiner Existenz. Aus der öden, kalten, belanglosen Belanglosigkeit.

 

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