Lexikalische „Schludrigkeiten“ im Film

Christian Braad Thomsens persönliche Erinnerungen in FASSBINDER – LIEBEN OHNE ZU FORDERN (2015)

 

Die Dokumentation FASSBINDER – LIEBEN OHNE ZU FORDERN des dänischen Regisseurs und Publizisten Christian Braad Thomsen zeigt ein äußerst liebevoll gestaltetes und persönliches Portrait über einen der wichtigsten Repräsentanten des Neuen Deutschen Films – nicht zuletzt aufgrund der den gesamten Film durchziehenden Sequenzen eines bislang unveröffentlichten Interviews, das Thomsen mit Fassbinder führte. Neben diesem beeindruckenden Interview spicken den Film allerdings lexikalische Fehler und „Schludrigkeiten“ in den eingeblendeten Kapitelüberschriften sowie im Abspann. Darf oder vielmehr: sollte dieser Missstand in einer Bewertung des Films als negativer Aspekt eine Rolle spielen?

 

Thomsen lernte Fassbinder auf der Berlinale 1969 kennen, als Fassbinder dort mit LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD sein Debüt als Spielfilm-Regisseur feierte. Der Film wurde vom Publikum ausgepfiffen und fiel zunächst in der Kritik gnadenlos durch. Thomsen mochte den Film. Er traf Fassbinder an einer Bar und bedankte sich bei ihm für dessen Film – es entwickelte sich eine „friendship at a distance“, wie Thomsen selbst sagt: Über die Jahre hinweg trafen sich die beiden regelmäßig zwei- bis dreimal im Jahr – immer zu Drehzeiten Fassbinders.

 

Das Besondere und Hervorstechende an Thomsens Film ist ein Interview, das Thomsen mit Fassbinder in einem Hotelzimmer während der Filmfestspiele in Cannes Ende der 70er Jahre führte. Lange Zeit vermoderte das Interviewmaterial in Thomsens Privatarchiv – ungesehen: Thomsen war sich über Fassbinders Zustand während des Interviews nicht im Klaren. Er wollte vermeiden, dass die Öffentlichkeit Filmmaterial mit einem erheblich, vielmehr erschreckend erschöpft und aufgedunsen aussehenden, insbesondere aber (vermeintlich) geistesabwesenden und wirren Fassbinder zu Gesicht bekommt.

 

Aber Fassbinder wirkt in genau jenen Interviewsequenzen absolut klar. Erschöpft, müde, regelrecht abgekämpft, ungepflegt, wenngleich sogar krank: Ja. Aber nichtsdestoweniger völlig geistesanwesend, sehr souverän und verständlich in dem, was er zu sagen hat. Thomsens langjährige Besorgnis aufgrund einer vermuteten – nennen wir es „Brisanz“ dieser Filmaufnahmen erweist sich als völlig unbegründet. Fassbinder sitzt in einem braunen Sessel mit Armlehnen, in der rechten Hand einen Drink – vielleicht war es auch lediglich eine Coke – mit Eiswürfeln und Strohhalm, strähnige Haare in der Stirn, das schwarze Hemd über seiner Brust geöffnet. Er spricht offen – über seine Mutter, über inzestuöse Beziehungen, über die Darstellung von Homosexualität in Filmen, über sich, über sein Weltbild. Dieses Interview bildet das Herzstück in Thomsens Film: kein Interview zwischen gefeiertem Regisseur und Journalisten im eigentlichen Sinne, sondern ein Gespräch zwischen zwei Freunden, zwischen zwei Vertrauten, bei dem zufällig eine Kamera und ein Tonbandgerät mitgelaufen sind.

 

Thomsens Film besticht neben diesem intimen Gespräch mit Fassbinder auch durch Interviews mit Fassbinders Schauspielern Irm Herrmann, Harry Baer und Andrea Schober, durch weitere Ausschnitte aus Interviews mit Fassbinder und dessen Mutter Lilo Pempeit sowie durch Thomsen selbst, dessen Stimme aus dem Off aus subjektiver Perspektive die Filmbilder und -gespräche kommentiert und in einen Kontext hebt. Diese liebevoll und außerordentlich persönlich arrangierte Zusammensetzung des Films erfährt jedoch einen erheblichen Bruch: lexikalische Ungenauigkeiten, grammatikalische Fehler in Texteinblendungen. Wenn im Film ein neues der insgesamt sieben Kapitel beginnt, erscheint der Kapiteltitel sowie ein dazu passendes Zitat Fassbinders in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Fehlende Kommata und falsch geschriebene Wörter, wie eine trennende Schreibweise der Konjunktion „nachdem“ oder ein „Regi“ im Abspann – die Sprachmängel sind in einer Anzahl vorhanden, dass sie einem aufmerksamen Zuschauer unmöglich nicht auffallen können.

 

Kann diese Unachtsamkeit oder „Schludrigkeit“ in den Textpassagen den durchaus erfreulichen und positiven Eindruck, den der übrige Film hinterlässt, schmälern? Die Antwort lautet hier absolut und eindeutig (und ärgerlicherweise): Ja! Dass Thomsen seinen Film im Rahmen einer „One-Man-Show“ produzierte und er Deutsch nicht als erste Sprache beherrscht, kann allenfalls eine plausible Erklärung für die lexikalischen Fehler liefern, darf jedoch keineswegs eine Legitimation begründen. „Film“ ist mehr als die bloße (dramaturgische) Aufzeichnung von Bewegtbildern mit einer Beimischung von Ton. Der Film muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden – das schließt neben Bildern und Ton auch die Kameraführung und Lichtverhältnisse mit ein oder die postproduzierten Schnittsetzungen, Filmmusik ebenso wie etwaige vorhandene Texteinblendungen sowie der Abspann. Jedes dieser Elemente ist Bestandteil des Films und damit berechtigt, einen positiven oder schmälernden Effekt auf den Gesamteindruck auszuüben.

 

Es mag durchaus Bestandteile eines Films geben, die weit weniger relevant erscheinen als andere. Texteinblendungen gehören sicherlich zur Klasse der unwichtigeren Aspekte – beispielsweise im Vergleich zu der Qualität der aufgezeichneten Bilder. Nichtsdestotrotz stechen lexikalische Fehler mindestens genauso ins Auge wie eine unscharf aufgenommene Filmszene und dies insbesondere, weil sie Mängel an einem Film darstellen, die wohl am leichtesten und mit dem geringsten Aufwand vermeidbar gewesen wären: durch ein Wörterbuch oder einen Übersetzer oder – möglicherweise in diesem Fall – einen befreundeten, deutschen Muttersprachler als Korrekturleser.

 

Die schriftsprachlichen Fehler besitzen gewiss nicht das Gewicht, einen Verriss über einen ansonsten überaus soliden, interessanten und persönlichen Film zu rechtfertigen. Doch dürfen und müssen solche Makel insbesondere aufgrund ihrer verhältnismäßig einfachen Vermeidbarkeit einen Effekt auf den Film als Ganzes besitzen – hin zum Abwertenden. Hinzu kommt, dass es sich bei FASSBINDER – LIEBEN OHNE ZU FORDERN trotz der persönlichen Note von Thomsen um einen dokumentarischen Film handelt. Wenn nun bereits simple Texteinblendungen mit Fehlern gespickt sind, sollte dies bei einem kritischen Zuschauer eine wichtige und in ihren Konsequenzen vielleicht gravierende Frage aufwerfen: Was bedeuten Fehler in der Schriftsprache, die man durch einen einfachen Griff zu einem Wörterbuch der deutschen Sprache umgehen hätte können, für Elemente des dokumentarischen Films, die wesentlich mehr Rechercheaufwand erfordern?

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