Zeitstruktur und Fiebertraum

Versuche einer indigenen Erzählweise

 

EL ABRAZO DE LA SERPIENTE (DER SCHAMANE UND DIE SCHLANGE) erzählt von zwei westlichen Forschungsexpeditionen in die kolumbianischen Regionen des Amazonas. Doch anstatt den Reisenden strikt zu folgen, unternimmt der Film den genuinen Versuch der filmischen Repräsentation einer indigenen Perspektive – durch verschiedenartige Zeitstrukturen, assoziative Verlinkungen und traumartige Narration.

 

 

EL ABRAZO DE LA SERPIENTE (DER SCHAMANE UND DIE SCHLANGE; CO/VE/AR 2015; R: Ciro Guerra) erzählt von zwei westlichen Forschungsexpeditionen in die kolumbianischen Regionen des Amazonas. Die erste Expedition findet in den Anfängen des 20. Jahrhunderts statt, die zweite rund 30 Jahre später. Beide treffen auf den indigenen Schamanen Karamakate, der in beiden Fällen hilft, die seltene Pflanze Yakruna zu finden. Der Film nutzt diese doppelte Reisenarration, um ein verschiedenartiges Zeitkonzept zu kreieren und versucht, sich dadurch dem Zeitverständnis vieler indigener Völker in Amazonien anzunähern, welches sich fundamental von geläufigen westlichen, linearen Entwürfen unterscheidet. Dieses beruht auf der Gleichzeitigkeit mehrerer Universen, die parallel verlaufen und von bestimmten Geistern und übernatürlichen Wesen durchdrungen und besucht werden können. So entwickeln sich dann auch die Erzählstränge des Films nicht linear, sondern vielmehr organisch, gehen manchmal ineinander über, jedoch nur um sich kurz darauf wieder zu trennen.

 

In wunderschönen, stark kontrastierten Schwarz-Weiß-Bildern führt EL ABRAZO DE LA SERPIENTE seine Zuschauer tief in den Regenwald Amazoniens, mit langen Einstellungen und weitläufigen Landschaftspanoramen wird besonders der Fluss zu einem Hauptakteur. Er wirkt dabei nicht nur als Verbindungspunkt der verschiedenen Zeitebenen in der indigenen Mythologie, auch filmisch nutzt ihn Regisseur Ciro Guerra immer wieder für Transitionen zwischen den Erzählsträngen. Zum Beispiel wenn am Ende einer Sequenz das Boot der ersten Expedition im Hintergrund verschwindet und auf die Strömung gezoomt wird, die Kamera jedoch kurz darauf wieder nach oben schwenkt und die Kamera das Boot der späteren Reise erblickt. Die Wellenbewegungen des Amazonas spiegeln sich dann auch in der Erzählstruktur wider, die zwischen den Zeiten genauso alterniert wie zwischen Naturbildern und narrativ-motivierten Einstellungen. EL ABRAZO DE LA SERPIENTE findet somit eine delikate Balance zwischen freiem Raum, der eigene Abschweifungen zulässt, und der Erzählung einer verwobenen Geschichte.

 

Je weiter der Film voranschreitet, desto mehr rücken zudem die Schrecken des Kolonialismus in den Fokus. Fanatische Missionierung und Kautschukextraktion sind die Hintergründe, die immer wieder in Form von Folter, Todeskämpfen und Kriegsbildern in die Erzählungen einbrechen. Die Nöte der indigenen Bevölkerung werden hier jedoch nicht ausgebeutet, stattdessen als Teil einer mythologischen Weltansicht dargestellt, die sich an die neuen, schmerzvollen Umstände anpasst und sie sogar inkorporiert. Als Element dieser Weltansicht, und fast im Vorbeigehen, eröffnet der Film außerdem einige spannende medientheoretische Gegenüberstellungen: Schriftlichkeit und das Buch vs. mündliche Überlieferung; Fotografie vs. mythische Erinnerungen; und, vielleicht auf einem Meta-Level, die Magie des Mediums Films vs. die magischen Gefilde, zu denen der Schamane Karamakate einst Zugang hatte. Kurze Szenen reißen diese Oppositionen an: wie der Schamane eine Fotografie von sich mit einem Chullachaqui vergleicht, einer mythischen, seelenlosen Kopie eines Menschen, die nur aus einer leeren Hülle besteht und zwischen den Welten pendelt. Oder wenn der Leiter der früheren Expedition Theodor von Martius einen Brief an seine Frau in Deutschland schreibt und seine beiden indigenen Begleiter hemmungslos anfangen zu lachen – und zwar nicht nur wegen dem kitschigen Inhalt, sondern auch über die Idee, dass aufgeschriebene Worte irgendeine Wirkmacht haben könnten. Diese wunderbare Umkehrung der „Schreibstunde“ (Leçon d‘écriture) aus Claude Lévi-Strauss‘ Traurige Tropen, in der ein Häuptling der brasilianischen Nambikwara das Schreiben des Autors in Form von Wellenlinien imitiert, sich also dessen Macht aneignen möchte, versinnbildlicht noch einmal eindrucksvoll den Ansatz des Films: Indigene Wissenssysteme werden, insbesondere in diesen medialen Gegenüberstellungen, als gleichwertige Alternativen dargestellt und keineswegs ihren westlichen Pendants untergeordnet.

 

Neben den bereits oben angedeuteten strukturalen Versuchen einer filmischen Annäherung an andersartige Zeitkonzeptionen, unternimmt der Film gegen Ende eine weitere, meisterliche Wendung. Hier lässt Regisseur Ciro Guerra, analog zum Verzehr der im Mittelpunkt der beiden Erzählstränge stehenden magischen Pflanze Yakruna, unvermittelt psychedelische Farbbilder in die bisherige monochrome Intensität einbrechen und induziert, durchaus auf den Spuren von Gaspar Noé, einen bunten Fiebertraum. Die Kraft dieses Stilbruchs ist nicht zu unterschätzen, werden die Zuschauer doch vollkommen überwältigt von dieser plötzlichen Explosion, zwar nicht von der mystischen Energie der pflanzlichen Natur, jedoch von der eigenwilligen Magie des Kinos seine Zuschauer in andere Wesenszustände zu überführen. Dies korreliert mit der Zeitkonzeption des Films, mit der Fähigkeit des Mediums nicht nur die weitestgehend verlorene Welt des damaligen Amazoniens abzubilden, sondern abgesehen von geographischen auch unbekannte übernatürliche Regionen zu eröffnen. Dies gelingt EL ABRAZO DE LA SERPIENTE auf außergewöhnliche Weise, da er abseits von Klischees und Stereotypen einen ernsthaften Vorstoß in Richtung einer formal-ästhetischen Repräsentation nicht-westlicher Weltbilder unternimmt; eine Perspektive, die im zeitgenössischen Kino nicht besonders häufig anzutreffen ist.

Ein Kommentar zu “Zeitstruktur und Fiebertraum
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