Wer filmt?

Die unerträgliche Gewaltsamkeit des Blicks in Michael Hanekes CACHÉ (2005)

 

Michael Hanekes CACHÉ rückt weit ab vom Genre des klassischen Kriminalkinos. Anstatt „des Kriminellen“ im Bild untersucht er „das Kriminelle“ des Bildes selbst. Der Kamerablick ist weniger auf der Spur eines Erzählplots, in dem sich langsam Teil um Teil zusammenfügt. Er ruht vielmehr auf dem Gesehenen als Phänomen, als Erfahrung, als Selbst-Erkenntnis. Das Rätsel liegt nicht im Blickfeld, sondern der Blick selbst ist das Rätsel.

 

Ein „[…] weiterer Film vom neuen Kino der Angst“ (NEW YORK TIMES), eine „optische Täuschung“ (DIE WELT) und „raffiniert sadistisch“ (LIBERATION). So lauten einige Pressestimmen zum Werk des österreichischen Filmregisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke. 2005 wurde CACHÉ [frz. unsichtbar, verborgen, geheim] auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes vorgestellt und erhielt nicht ohne Grund die Auszeichnung für die Beste Regie.

 

Die Einstiegssequenz: Minutenlang ruht die Kamera als in sich bewegter Frame. Es ist ein Ausschnitt einer gewöhnlichen, ruhigen französischen Stadtszenerie – auf eine gewisse Weise vertraut und doch nüchtern, kühl. Schon der erste Blick verrät eine unangenehme, beklemmende Atmosphäre. Die Kamera bleibt starr auf das Motiv gerichtet. Die Rahmung fest. Kein Schwenk nach links oder rechts. Der Blick erahnt: Er ist gefangen. Schließlich erscheinen Buchstaben, der Vorspann zieht sich im Fließtext über das Filmbild.

 

Die zweite Sequenz: Der Fließtext hat sich verabschiedet – es ist immer noch das erste Bild, unverändert, die einzige filmische Realität, mit welcher der Zuschauer 2:20 Minuten lang konfrontiert war. Stimmen mischen sich in das monotone Rauschen des Alltagslärms. Der Blick wird gewahr: Jemand steht hinter dieser unbewegten Kamera, jemand beobachtet. Doch wer?

 

Auf den anonymen Videokassetten, die der großbürgerlichen Pariser Familie Laurent zugeschickt werden, sehen sie ihr eigenes Leben gespiegelt – aber von welcher Instanz aus? Fragen über Fragen – derweil bricht der Film hinter der Fassade eines wohl geordneten und scheinbar harmonischen Familienlebens mit der trügerischen Sicherheit des Alltags und reißt dunkle Abgründe auf. Georges Laurent, Ehemann, Vater und erfolgreicher Moderator einer Literatursendung, wird durch das Kameraobjektiv in eine Konfrontation mit dem Araber Majid und darüber in einen Engpass mit seiner – stets unter Verschluss gehaltenen – Vergangenheit gezwungen.

 

Was am Ende bleibt, ist trotz der sporadisch zitierten Kriminalfilmtradition vor allem eines: Anstelle einer unerwarteten Wendung, anstelle der sich Stück für Stück ineinander fügenden Aufklärung jener über den gesamten Film gespannten Frage „Wer filmt?“, verschließt sich CACHÉ in einer Geste der Verweigerung. Ganz bewusst wird der sich schleichend im Film aufbauenden Unruhe kein Ventil zugedacht.

 

Die Frage „Wer filmt?“ biegt sich vielmehr autoreflexiv auf den Zuschauer zurück und entlädt sich in der durch und durch medienphilosophischen Antwort: „Ich blicke durch das Objektiv des Regisseurs – ich sehe, was er sieht – ich sehe – ich filme.“ Und folgen wir mit kriminalistischem Gespür der These von CACHÉ, dass in dem Blick hinter der Kamera Machtpotenzial schlummert: die Macht des Voyeurs – zu erpressen, zu verraten. Und nehmen wir Paul Virilio hinzu, der gesagt hat, eine Kamera funktioniere im Grunde genau wie ein Revolver, dann enthüllt CACHÉ ein eben solches „neues Kino der Angst“ – einer Angst, die nicht vor, sondern hinter der Kamera ihren Ursprung hat – eine Angst, die schockiert feststellt: „Ich filme – ich töte.“

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