Warum nur immer so ernst?

FILMFEST MÜNCHEN 2016

 

Ein Plädoyer für mehr Furzkissen im Leben

 

Maren Ades TONI ERDMANN (DE, AT 2016) ist ein tragischer Film, der zugleich urkomisch ist. Ein Film, der zu Recht das diesjährige FILMFEST MÜNCHEN eröffnen durfte, nachdem er bei den Filmfestspielen in Cannes von Kritikern und Publikum gefeiert wurde und nun sogar der deutsche Oscarkandidat für 2017 ist. Der Film erzählt eine Geschichte von Vater und Tochter, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sie, die disziplinierte Karrierefrau, immer aufopferungsbereit für den Job – egal ob es um die Annahme einer Stelle in Rumäniens Hauptstadt Bukarest geht, oder um eine Shoppingtour mit der Ehefrau eines Klienten. Er, der alberne Spaßvogel, der auf wilde Zähne steht und deshalb immer ein entsprechendes Gebiss mit sich trägt – entweder in seiner linken Brusttasche oder in seinem Mund. TONI ERDMANN ist ein Film, der gen Ende dem Publikum fast entgegenzuschreien scheint: Warum nur immer so verdammt ernst?

 

 

Winfried Conradie (Peter Simonischek) ist Musiklehrer. Als ein Kollege an seiner Schule mit einem großen Fest verabschiedet wird, studiert er mit seiner sechsten Klasse ein Lied ein. Conradie und seine Schüler schminken sich für ihren großen Auftritt: weißes Gesicht, die Augen schwarz umrundet, Ober- und Unterlippe mit mehreren schwarzen Strichen verbunden; sie sehen aus wie der leibhaftige Tod. „Wir sind todtraurig, dass Sie gehen!“ – Conradie ist ein Mensch, der sich seine eigene Welt geschaffen hat. Eine alberne Welt. Ohne sein Gebiss aus dem Scherzartikelladen, mit dem seine Zähne monströs groß, gelb und schief sind, verlässt er sein Haus niemals. Er findet Furzkissen amüsant. Und oft gibt er sich für jemand anderen aus. Einmal ist er Arbeiter für ein Hospiz, als er immer noch als Tod geschminkt bei einer Familienfeier auftaucht. Ein anderes Mal ist es der „consultant“ und „coach“ Toni Erdmann, als er seine Tochter Ines unangekündigt und ohne wirklichen Grund in Bukarest besucht.

 

Ines (Sandra Hüller) lebt ebenso wie ihr Vater in einer ganz eigenen Welt. Einer Welt, die ausschließlich aus ihrer Arbeit bei einer international agierenden Unternehmensberatung besteht. Vom Leben ihrer bodenständigen Familie hat sie sich weit entfernt: Bei einem Kurzbesuch zieht sie sich in den Garten zurück und führt ein berufliches Scheintelefonat, nur um einem Gespräch mit der Familie zu entgehen. Bei einer beruflichen Feier kommandiert sie ihr wichtiger Klient Henneberg (Michael Wittenborn) zu seiner Ehefrau, damit Ines ihr Tipps für eine Shoppingtour in Bukarest geben kann. Ines gehorcht. Die überspielte Erniedrigung kann ihr Gesicht trotzdem nicht ganz verbergen. Und auch übergeht sie die subtile Beleidigung, als Henneberg ihren Vater, der sie auf die Feier begleitet hat, und nicht sie bittet, noch mit auf einen Absacker in eine andere Bar zu kommen. Trotzdem scheint sich Ines für ihren Vater zu schämen. Ihr Vater, das ist der ältere Mann mit den wirren weißen Haaren, dem billigen Karohemd, das betont um seinen Bauch spannt, und dem billigen Jutebeutel; ihr Vater, der mit seinem Äußeren und seinen albernen Witzen so gar nicht in ihre versnobte Businesswelt passen will. Ines ist all das, was man unter einer überehrgeizigen Arschkriecherin versteht, deren Lebenssinn und -inhalt das Arschkriechen um des Arschkriechens willen ist.

 

Als Toni Erdmann aka Winfried Conradie in Ines’ Bukarester Businessleben aufschlägt, beginnt für sie nach und nach im wahrsten Sinne eine Welt zusammenzubrechen. Egal, wo sie hingeht, überall begegnet sie ihrem Vater, der sich verkleidet mit einer zotteligen, schulterlangen Braunhaarperücke und den monströsen falschen Zähnen im Mund als Toni Erdmann ausgibt. Mal ist Toni Erdmann der deutsche Botschafter in Bukarest, mal „consultant“ und mal „coach“. So ganz zu glauben scheint diese Geschichten aber niemand. Doch alle lachen und haben Spaß – bis auf Ines. Man meint beinah Panik in ihrem Gesicht zu erkennen, bei dem Gedanken, dass jemand erfahren könnte, dass dieser lachhafte Toni Erdmann in Wahrheit ihr Vater ist. Aber dieser lässt sich von seinem Konstrukt des Toni Erdmann nicht abbringen und schließlich schafft er es sogar, dass seine Tochter seine Figur immer mehr in ihr Leben integriert. Toni Erdmann als Symbol für Leichtigkeit. Für Witz. Für Albernheit. Für ein scheiß-drauf-was-andere-denken-mögen. Am Ende setzt sich Ines die Spaßzähne ihres Vaters ein und einen Korb als Hut auf den Kopf. Als ihr Vater die Szene verlässt, entkleidet sie sich jedoch wieder. Der Spagat zwischen Toni Erdmann und einem Elfenbeinturmleben scheint nicht leicht – selbst wenn, oder vielleicht gerade weil beides nur gespielt ist.

 

Aber warum das alles? Warum sich für ein Leben im Elfenbeinturm entscheiden? Die Szene, in der Ines am Bürofenster ihres ganz geschäftig-seriös wirkenden Firmengebäudes steht – businesslike eben – und hinab blickt, spiegelt die Absurdität eines solchen Lebens wider. Dort, hoch oben, ist sie in einem Elfenbeinturm voller Sexismus, Machtspielchen und Klientenfang, leerer Versprechungen und Stress eingesperrt. Dort, ganz unten, nur wenige Meter gegenüber des Elfenbeinturmes, sieht man Kinder mit schmutzigen Kleidern auf dem kargen, winzigen Platz vor einem schäbigen Haus ohne Spielzeug spielen. Welche dieser Existenzen im Film sind nun in ein schwieriges Leben hineingeboren und welche haben sich all ihre Probleme mit aller Kraft ganz alleine geschaffen?

 

Was denn sein Geschäftsbereich als Coach sei, wird Toni Erdmann einmal gefragt. „Das Leben.“ Wir sollten alle ein bisschen mehr wie Toni Erdmann sein. Denn Toni Erdmann tut gut.

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