The Newspaperman

FILMFEST MÜNCHEN 2016

 

S is for Stanley Kubrick oder E is for Emilio D’Alessandro

 

Alex Infascellis Dokumentarfilm S IS FOR STANLEY (IT 2016) ist ein Rückblick in Stanley Kubricks Alltag. Der Film erzählt nicht Kubricks Geschichte, er erzählt die Geschichte seines Chauffeurs: Emilio D’Alessandro, so dass man nicht mehr nur Kubricks Filmbilder im Kopf und Wagner und Shostakovich im Ohr hat, sondern den Anekdoten eines Mannes zuhören kann, der nun aus dem Hintergrund nach vorne kommt und selbst zu einem Protagonisten wird.

 

Es ist Nacht, die Straßen verregnet. Dr. Harford läuft einsam über die Straße, die Ampeln sind rot. Er läuft vorbei an geschlossenen Geschäften, Telefonzellen, er dreht sich um und da geht ein Mann auf der anderen Straßenseite. Harford beschleicht ein Gefühl der Paranoia, aber er beschleunigt sein Tempo nicht. Er geht an einem Briefkasten vorbei. Er dreht sich noch einmal um. Er geht um die Ecke. Er dreht sich um. Der andere Mann geht um die Ecke. Harford will ein Taxi nehmen. Er bekommt keines. Schließlich steht er an einem dieser New Yorker Zeitungsstände, in denen auf der einen Seite Süßigkeiten und auf der anderen Seite Postkarten ausgestellt sind, oben Magazine und Prospekte aneinandergereiht hängen, hinten Zigaretten ordentlich sortiert sind und vorne Zeitungen ausliegen und Lose beiseite gestellt sind. Der Zeitungsverkäufer trägt Ohrenschützer und einen Schal. Es ist kalt. Er sieht wie alle Zeitungsverkäufer in ihrem Laden ein wenig zu klein aus. Harford bleibt hier stehen. Der andere Mann wartet an der Kreuzung gegenüber. Man sieht Harfords Atem. Es ist kalt. Harford kauft wortlos eine Zeitung. Der andere Mann geht weiter. Harford auch, mit Unbehagen und einem Blick zurück. Dr. Harford, in dem Film wird er eigentlich Bill genannt, wird von Tom Cruise gespielt und der Film, aus dem diese Szene stammt, heißt EYES WIDE SHUT. Wichtig sind hier aber nicht Cruise oder der Mann, der ihm offensichtlich nachstellt, sondern der Zeitungsverkäufer, Emilio D’Alessandro.

 

EYES WIDE SHUT kam 1999 in die Kinos. Im selben Jahr starb Kubrick. Zwei Jahre später erscheint STANLEY KUBRICK – A LIFE IN PICTURES von Jan Harlan. In diesem wortwörtlichem „Biopic“ kommen Regisseure, Schauspieler, Produktionsdesigner (unter anderem Ken Adam, der den “War Room” in DR. STRANGELOVE gestaltet hat), aber auch Kubricks Schwester Barbara Kroner, seine Tochter Anja Kubrick und die Filme selbst, von ihren schwarz-weißen Anfängen bis zu ihrer kolorierten ODYSSEE, zu Wort. Man hat diesen Film so gelobt, weil er auch zeigt, welche Filme Kubrick nicht gedreht hat. Gescheiterte Projekte, die Fragen stellen wie: Was wäre, wenn Kubrick diesen Film doch realisiert hätte? Was für ein Film wäre das gewesen? Und diese Fragen stellen sich besonders bei Kubrick, denn der tatsächliche Filmstoff war immer etwas unberechenbar – erwartbar war, dass etwas anderes kommt. Die Dokumentation aus dem Jahr 2001 erzählt uns so viel, über Kubrick selbst, aber vor allem über seine Filme. Daher muss man bei der Release einer jeden neuen filmischen Auseinandersetzung mit diesem Filmemacher fragen, was die Filmkritiker gedacht hatten, als Kubrick BARRY LYNDON in die Kinos brachte: “As it is, one must strain to retain interest in a story we’ve been told countless times before.” (Jan Harlan: STANLEY KUBRICK – A LIFE IN PICTURES, US 2001) Was also macht den Film von Alex Infascelli aus?

 

 

Die italienische Tageszeitung Il Fatto quotidiano spricht bei der Rezension von Infascellis Film von einer „l’opera kubrickiana“. Kubricks Filme seien von jeher ein „gioco metacinematografico“ (ein metakinematografisches Spiel) gewesen. Infascellis Dokumentarfilm beruht aber nicht etwa auf Kubricks Filmen und seinem Spiel mit den Referenzen oder Fragen der Erzählweise (,Wie kann ich diese Geschichte filmisch am besten erzählen?‘ muss eine Kubricks Leitfragen gewesen sein), sondern auf der Biografie Emilio D‘Alessandros. Alex Infascelli erzählt von dem, was für viele Filme Kubricks die so wichtige Oberfläche ausmacht: dem Alltag oder dem Alltäglichen und der Konfrontation mit dem Nichtalltäglichen. Emilio war eigentlich Taxifahrer in London, aber irgendwann – es schneit und kein Taxifahrer ist sonst auf der Straße – wird er engagiert, um ein Paket zu einem Filmset zu bringen. Er weiß nicht, dass es sich um das Set zu dem Film CLOCKWORK ORANGE handelt und dass in dem Paket ein fiktives Mordwerkzeug (Herman Makkinks „Rocking Machine“) des Films steckt. Nach diesem Erlebnis wird er Kubricks Chauffeur. Am Anfang dieser Arbeitsbeziehung steht eine lange Liste von Regeln, die Infascelli in dem Film gnadenlos vorliest und die alle nach dem Prinzip „Wenn du etwas öffnest, schließe es“ funktionieren. Jede Veränderung muss letztlich in einem Status Quo enden. (So ähnlich wie auch bei dem Film EYES WIDE SHUT, wo am Ende doch alles ,beinahe‘ so wie am Anfang zu sein scheint.)

 

Kubrick ist kein sehr guter Autofahrer. Emilio ist eigentlich Rennfahrer, wird Chauffeur, dann ist er eher so etwas wie Kubricks Personal Assistant. Er erledigt alles. Emilio versorgt Kubricks Tiere. Er soll Kubrick sagen, ob Jack Nicholson wirklich die beste Besetzung für THE SHINING sei. Infascellis Film zeigt auch eine so wunderbare Szene, in der Emilio und seine Frau zu Hause sitzen, die Kamera ganz genauso, als wäre es einer Kubricks Filme, beide symmetrisch in den Raum gesetzt. Da sitzen die beiden auf ihren Stühlen und unter ihnen liegt der Teppich, den wir aus dem Oberlook-Hotel in THE SHINING kennen, und man stellt sich für einen Moment vor, wie zwei reale Menschen in einer Filmkulisse leben.

 

Neben Kubricks handgeschriebenen Notizzetteln war das Telefon sein wichtigstes Medium. In jedem Fahrzeug sollte eines installiert sein, und Emilio immer erreichbar. Keiner rief bei den D’Alessandros so oft an wie Kubrick. Es war auch Emilio, der telefonieren musste, als Federico Fellini bei Kubrick anrief. Infascellis Film ist eine gekonnte Erzählung von Anekdoten aus erster Hand und für diese Anekdoten gibt es materielle Beweisstücke. Emilios Aufgaben stehen auf abgetrennten Papierstücken, auf Briefpapier, auf Hotelpapier, auf Post-Its, die sich über das gesamte Kubrickanwesen oder vielleicht sollte man sagen, über den gesamten Kubrickkosmos verteilen. Für Emilio, aber auch für Infascelli sind sie heute Dokumente des Lebens eines Filmemachers. Kubrick ist nicht da, aber seine Notizen sind es, stets signiert mit dem unverkennbaren „S“. Es ist also ein wenig wie mit diesem Dokumentarfilm: Kubrick ist nicht da und er ist es doch die ganze Zeit.

 

 

Ein Kommentar zu “The Newspaperman
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