The Iron Lady

Über politische Frauenfiguren und europäische Identität

 

THE IRON LADY (Phyllida Lloyd, UK 2011) erzählt die Geschichte Margaret Thatchers – rückwärts. Phyllida Lloyd hatte laut Kritiker versucht, der Iron Lady Thatcher ihr ‚iron’ zu nehmen. Dafür musste sie erst einmal eine gealterte und nicht mehr so starke Thatcher zeigen, die nicht mehr in einem Parlament sitzt, sondern zu Hause. Und gerade weil Lloyd keine Verehrerin Thatchers ist, aber Sympathien für (starke) Frauen in der Politik hat, konnte nur sie einen solchen Film machen, der sich gerade jetzt wieder aktuell ,anfühlt’.

 

 

Kürzlich habe ich THE IRON LADY gesehen. Eigentlich weniger, um etwas über Margaret Thatcher zu erfahren und mehr, weil ich Meryl Streep sehen wollte. Meryl Streep war natürlich auch sichtbar, aber letztendlich ging es (mir) dann doch um Thatcher, eine vielleicht auch etwas überzogene Thatcher, man mag sie sogar theatral nennen. Die Resonanz auf den Film war gemischt. Streep erhielt einen Oskar, aber die Kritiker bemängelten, dass Thatcher in dem Film ja doch nur ein Mensch sei, die Politikerin also weitestgehend unbearbeitet bleibt. Und tatsächlich lautete die Überschrift des britischen The Guardian „Phyllida Lloyd: how to humanise Margaret Thatcher“. In dem Interview musste Lloyd zugeben, dass obwohl sie nicht auf Thatchers Seite stand, es doch ein Triumph der Frauen war, sie in dem Amt der Premierministerin zu sehen. In der Filmgeschichte war es das Motiv der einen Wagen fahrenden Frau, das eine realhistorische Emanzipation symbolisierte. In Lloyds Film sitzt Thatcher deswegen am Steuer ihres Wagens, das Kinderspielzeug in das Handschuhfach packend, sich im Rückspiegel ansehend, den roten Lippenstift von den Zähnen wischend – und auch ihre Tocher macht den Führerschein.

 

Nicht lange nach meiner Filmlektüre erschien in der Zeit ein passender Artikel: Die zweite britische Premierministerin Theresa May wollte, bevor sie die USA besuchen würde, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel treffen. Das Foto zu dem Artikel zeigt die beiden Frauen sich leicht schräg gegenüber sitzend auf zwei weichen (berliner) Sofas, auf dem Sofatisch stehen Kaffee und Tee und schon wirkt das politische Treffen wie ein Salongespräch. Das politische Bild habe sich geändert, weil das Geschlecht sich geändert hat. Thatcher war, sieht man die Aufnahmen und Szenen der Diskussionen im Parlament der 80er Jahre, eine Frau unter vielen Männern und der Filmtrailer zu THE IRON LADY spielt darauf an, wenn er Thatcher umgeben von Männern sagen lässt, „Gentlemen, shall we join the Ladys“. In dem Film wird Thatcher sogar sagen, dass sie immer schon lieber in der Gesellschaft von Männern war.

 

Manchmal wird von den „Chapters of british politics“ gesprochen und ein jedes solches Kapitel schreibt ein jeder Premierminister oder – seit Thatcher – eine jede Premierministerin. Der Film erzählt hier das Kapitel „Margret Thatcher“, die Ende der 70er und bis zur deutschen Wiedervereinigung Premierministerin des Vereinigten Königreichs war, aber vor allem die 80er Jahre (und THIS IS ENGLAND, Shane Meadows, UK 2006) mitgeprägt hatte.

 

Der Film hat ein paar entscheidende Kniffe. Wir bekommen die Geschichte dieser historischen Figur rückwärts erzählt, also gerade gegenläufig zu dem, was wir Historie nennen würden. Dabei geht es dem Film darum, einen Kontrast aufzustellen: die starke (junge) Frau und die schwache (alte) Frau. Dass diese alte Frau an Demenz leidet und sich dessen sehr wohl bewusst ist, macht das Erzählen ihrer Geschichte nicht einfacher, sie wird immer bruchstückhafter, partielle Erinnerungen, Einschnitte und dann wieder in der Gegenwart sein. Auf inhaltlicher Ebene führt die Demenz nicht nur dazu, dass diese Frau sich mit ihrem verstorbenen Mann unterhält, sie vergisst auch seinen Namen, der auch ihr Name ist. Margeret Thatcher, geborene Roberts, siginiert mit ihrem Mädchennamen. Das Vergessen führt also gerade zu einem Erinnern, nämlich an den eigenen Namen, an eine eigentliche und ursprüngliche Identiät, die kein Etikett unangenehmer Politik geworden ist.

 

Thatcher und Ronald Reagan arbeiteten mehr an einem „service to the wealthy“ (so Noam Chomsky 1997 an der Northeastern University) und weniger an dem Rest der Bevölkerung und führten damit eine Spaltung (Lloyd spricht von „polarisation“) hinein, die eine Bevölkerung mehr oder weniger radikalisierten musste. Der Film zeigt diese Radikalisierung, die Schließung von Schulen, Arbeitslosigkeit, Streik im und Zusammenbruch des öffentlichen Dienstes. Das bedeutet kein öffentlicher Transport, keine Stromversorgung, keine Stadtreinigung. Doch Thatcher bleibt „obstinat“. Der Krieg um die Falklandinseln bedeutet einen Wendepunkt in Thatchers Karriere, gibt ihr jedoch nur kurz ein positives Image. Später verschärft sich die Situation im eigenen Land, Autobomben, Anschläge der IRA (Irish Republican Army), Polizisten, die Menschenmengen mit Pferden niederrennen. Eine freie Marktwirtschaft, die die Reichen immer reicher und die Armen unbedeutend macht.

 

Natürlich ist das ‚iron’ in THE IRON LADY nicht nur auf Thatcher, sondern auch auf den „Iron Curtain“ bezogen, ein politischer Begriff entlehnt von Winston Churchill – einer wichtigen Figur für Thatcher: “Churchillian rhetoric would become a consistent and well-choreographed feature of Reagan and Thatcher’s shared public performances.” (Richard Aldus: Reagan and Thatcher. The Difficult Relationship. 2012) –, aber eigentlich auch ein Begriff des Theaters, ironischerweise eine Brandschutzvorrichtung. Im Kalten Krieg meint er eine Trennlinie zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Kommunismus. Für Thatcher ist es gerade dieser ,Vorhang’ gewesen, der die europäische Kultur von ihren gemeinsamen Wurzeln trennte. Aber gleichzeitig hatte sie die Idee der Trennung an sich zum genuinen Moment der Europäischen Gemeinschaft erklärt. England sei Teil der Europäischen Gemeinschaft und gleichzeitig auch nicht. Das gelte für England, wie auch genauso für Frankreich, Spanien oder für ein anderes europäisches Land. Die europäische Gemeinschaft bilde sich aus selbstständigen Bestandteilen zusammen und lässt sich nicht in EINE europäische Identität modellieren. So Thatcher (The Bruges Speech, College of Europe, 1988). Es geht also nicht um Ganzheit oder Einheit oder auch Autonomie, sondern es geht um die Relation (dieser Komponenten) selbst. Dabei scheint sie doch Europa und europäisch zu unterscheiden. Auch Amerika sei beeinflusst durch europäische Werte. Aber, so sagt der Film wiederum, Großbritannien sei wie Europa insgesamt geprägt durch Geschichte, während die Vereinigten Staaten von Amerika nicht auf das, was war, fokussiert sind, sondern auf das, was sein wird. Das scheint auch die entscheidende Veränderung in Thatchers politischem Denken gewesen zu sein und ein Wendepunkt in der Rhetorik europäischer Politik geworden zu sein: nicht zurückblicken, sondern die positive Zukunft ankündigen.

 

In Lloyds Film hatte Thatcher erst der Stilwille tatsächlich an die Spitze der britischen Politik gebracht: „to look and sound like the leader that you could be“. Das ist ebenso wie das von ihr absolvierte Stimmtraining ein Hinweis auf die politische Maske, auf das Theatrale einer politischen Figur, die sich keine Emotionen erlauben will. Und es gibt ein paar Worte, die Thatcher so verabscheute: „weak“ und „soft“, das waren schlussendlich auch die Schimpfworte, die sie an ihre Gegner richtete. Als der Arzt eine gealterte Thatcher fragt, wie sie sich fühlt, stellt sie trocken fest: Heute denken die Menschen nicht mehr, sie haben keine Ideen mehr, sie fühlen nur noch. Dabei ist die Gleichung ganz einfach: „Was wir denken, das werden wir“: Aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten, aus Taten Gewohnheiten, aus Gewohnheiten Charakter und aus dem Charakter das eigene Schicksal.

 

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