Mit Glazer in die Unterwelt

Verführung auf fremdem Niveau in Jonathan Glazers UNDER THE SKIN (2013)

 

Sie geht – langsam, lasziv und Schritt für Schritt voran. Top, Jeans und Unterwäsche gleiten Stück für Stück zum Rhythmus dumpfer elektronischer Klänge auf den spiegelnden Boden, wenn Scarlett Johansson als weibliches Idealbild (wie) von einem anderen Stern in UNDER THE SKIN ihre Verführungskünste spielen lässt – verblendete Männer blindlings hinterher.

 

Die erste Hälfte von Jonathan Glazers drittem Spielfilm mutet wie eine Aneinanderreihung feministischer Machtphantasien an: Johansson in Fake-Fur-Jacke. Johansson in roter Lippenpracht. Johansson am Steuer eines dunklen Vans auf düsteren schottischen Straßen. Johansson, die mit unschuldigem Blick und Schmollmund ihre Opfer aufspürt, sie in verlassene Häuser lockt, sie zum Takt der Orpheus’schen Musik und Entblößung ihres venusgleichen Körpers in den Untergrund zieht – auf den Grund des schwarzen Flusses Styx direkt in Hades’ Totenreich, wo sie außerirdische Qualen erwarten.

 

Doch dann – zur Mitte des Films hin – wagt die fremde Schönheit einen Blick in den Spiegel, zwingt sich zur Selbstreflexion und damit zum Trauma. Der feministisch-aggressive Blick des Films wendet sich um 180 Grad: Johansson, die sich von der Stadt auf das schottische Ödland zurückzieht. Johansson, die sich dort selbst als fremdes Wesen entdeckt. Johansson erforscht sich. Johansson wird zerbrechlich. Johansson begiebt sich freiwillig in die Hände eines fremden Mannes und wird schließlich beinahe vergewaltigt – das Idealbild der Frau wird zu ihrem unterdrückten Realbild, die Jägerin zum Opfer ihrer Jagdobjekte. Was Johansson am Ende ihrer Verwandlung erwartet, ist ebenso unheimlich wie surreal atemberaubend.

 

Ein Spiegel, an dem sich Johanssons Metamorphose entzündet – ein Spiegel wird die Leinwand selbst, wenn der Film seinen psychedelischen Zauber beginnt. UNDER THE SKIN wählt seinen Auftakt weise, nämlich tautologisch: unter der Haut. Rädchen, Kolben, Linsen bewegen sich durch einen cleanen weißen Raum. Fügen sich mechanisch ineinander. Bilden Apfel, Iris, Pupille. UNDER THE SKIN geht auf Tuchfühlung mit der Membran, in der Welten entstehen: der Netzhaut. So spiegelt sich in der Pupille des Zuschauers mit einem Mal sein mediales Alter Ego. Auge trifft auf Kameraauge. Sehend Machendes auf sehend Gemachtes. Auge in Auge zieht es schließlich den Zuschauer – Blick für Blick, Schritt für Schritt, Szene für Szene – tiefer in den Film hinein. Gefesselt von dessen eigener Ästhetik wird er unter die Oberfläche des filmischen Styx gezogen. Und entdeckt dort ein ganzes unter- und außerirdisches Universum. Schritt für Schritt.

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