Lebendiges (Spiel-)Zeug und die Angst vor dem Schrank

Wenn amerikanische Filme amerikanische Kulturgeschichte(n) erzählen …

 

Wir kennen die Vorstellung davon, dass wenn keiner hinsieht, Dinge lebendig werden und ein Eigenleben führen. Die Vorstellung von der Verlebendigung der Dinge finden wir (lange vor Rilkes Dinggedichten) schon bei Pygmalion (Ovid, Metamorphosen), dem Künstler, der sich in seine lebendig gewordene Skulptur verliebt. Aber kann diese Vorstellung so weit gehen, dass das lebendige Ding vielleicht eine eigene (biografische) Geschichte haben kann oder sogar zu einem richtigen Protagonisten wird, der nicht nur eine Geschichte, sondern Geschichte erzählt?

 

Von dem Eigenleben der Dinge erzählen uns Filme wie TOY STORY (John Lasseter, 1995), wo ein Astronaut und ein Cowboy – also DIE Statusfiguren der amerikanischen Geschichte die Hauptrollen spielen. Schließlich ist die amerikanische Geschichte von dem Kolonialismus, Goldsuche, dem Western, aber eben auch von J.F. Kennedys „We choose to go to the moon“ und der Mondlandung gezeichnet. Die Geschichte der Gegenfigur zum Cowboy erzählt DER INDIANDER IM KÜCHENSCHRANK (Frank Oz, 1995). Dort wird ein Irokese lebendig, er spielt auch die Hauptrolle. Aber neben ihm werden im Verlauf des Films auch ein Cowboy, Robocop, Darth Vader und ein Dinosaurier lebendig, letztlich auch die Miniatur eines Lazarettarztes, der ihn nach einer Verletzung retten soll. Da wird schon nicht mehr nur die Geschichte von dem Kolonialismus und dem Wildem Westen erzählt, sondern auch die amerikanische Popkultur der 1980er Jahre aufgegriffen.

 

Es ist natürlich bezeichnend, dass das alles aus einem Schrank kommt, einem Ding, das Kindern meistens das Fürchten lehrt. Das hat eine historische Legitimation, die wir Kleinodienschrank nennen. Denn dieser Schrank enthielt im Barockzeitalter Kuriositäten, also alles, was fremd, anders, unbekannt und zuweilen deshalb auch unheimlich war. Dabei ist der Kleinodienschrank verwandt mit dem Naturalienkabinett, das es sich zum Ziel machte, (Welt-)Geschichte in Gegenständen zu sammeln und zu erzählen.

 

In NACHTS IM MUSEUM (Shawn Levy, 2006) ist es der Indianer Jedediah, der mit dem römischen Octavius zankt. Zwar haben wir es hier nicht mit dem Schrank in einem Kinderzimmer zu tun, aber dennoch mit einer Art Schrank: dem Schaukasten des Naturkundemuseums. Und hier wird eine Beziehung zwischen Amerika und Rom aufgemacht, die, folgen wir der Kulturgeschichtsforschung, nicht sehr weit hergeholt ist und bis heute sichtbar bleibt. „Die Selbstidentifikation Amerikas mit Rom durchdringt die verschiedensten Ebenen der amerikanischen Gesellschaft.“ (Michael Lobe, USA und ROM. Über Macht und Ohnmacht zweier Großmächte, 2009)

 

Kommen wir zurück zu der angesprochenen ,Historie als Spielzeug‘. Damit meine ich auch die Zinnsoldaten, die in DER PATRIOT (Roland Emmerich, 2000) dann wieder zu dem Material für das werden, für das sie stehen: nämlich dann, als sie im Krieg zu Gewehrkugeln eingeschmolzen werden. Der Krieg und die kleinen Figuren sind eng miteinander verknüpft. In HOUSE OF CARDS (seit 2013) sehen wir, wie Frank Underwood eine historische Schlacht wie die aus DER PATRIOT nachstellt. Und es gibt diese aus grünem Plastik gefertigten Soldaten, die in TOY STORY zu der Assoziation eines Ameisenstaates werden, also „Ordnungsutopien“ (Lorenz Engell, Sinn und Industrie, 1992) in der Welt eines Kinderzimmers entwerfen.

 

In all diesen Beispielen wird sozusagen die amerikanische Kulturgeschichte durch den Umgang mit der ,Historie als Spielzeug‘ (oder in unserem Ausnahmefall als Exponat) wieder zum Leben erweckt. Wir sehen diese Hinweise vielleicht nicht so bewusst, doch ein Blick lohnt sich in jedem Fall: denn der amerikanische Film erzählt nicht nur Geschichten, sondern auch die Geschichte der Kultur, die diese Filme hervorbringt.

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