Inszenierungen von Freundschaft

Die japanische Serie HIBANA: SPARK, Liebesfilmkonventionen und die Entwicklung einer Freundschaft

 

Schon allein die Grundthematik der in diesem Jahr angelaufenen Serie HIBANA: SPARK (J 2016) erscheint für den nicht-japanischen Zuschauer vermutlich weit entfernt: Es geht um die Kultur des manzai, eine japanische Art der Stand-Up-Comedy, in der ein Komiker-Duo in rascher Weise einen Dialog vorträgt, gespickt mit Pointen und Nonsens. Die Hauptfigur von HIBANA: SPARK, Tokunaga, ist manzai-Künstler und die erste Staffel verfolgt nicht nur ihn und den steinigen Aufstieg seines Duos „Sparks“, sondern rückt zudem seine Beziehung zu Herrn Kamiya, einem extrovertierten manzai-Veteranen, in den Mittelpunkt. Nach ihrem ersten Treffen bei einer gemeinsamen Show ihrer jeweiligen Duos gehen die beiden eine für die japanische Kultur typische, im Bereich des manzai aber immer seltener werdende Meister-Lehrling Beziehung ein, die sich alsbald zu einer Freundschaft entwickelt.

 

 

Die Inszenierung dieser sich entfaltenden Freundschaft löst die Serie höchst interessant; so könnte man meinen, besonders in Abwesenheit von jeglichen love interests für beide Charaktere, dass man einer sich anbahnenden Romanze zuschaut. Ein schönes Beispiel ist der Beginn der zweiten Folge, wenn Kamiya Tokunaga per SMS mitteilt, in welchem Stadtteil er eine Wohnung gefunden hat. Tokunaga dreht sich daraufhin abrupt um und beginnt, in Kamiyas Richtung zu laufen. Die Kamera begleitet ihn mit einem Tracking Shot, schneidet dann zu einer weiten Rückansicht. Nach der Titel-Einblendung sieht man anschließend, wie Tokunaga eine Treppe zu einem Park herunter hastet und schließlich Kamiya, auch für die Zuschauer kurz in Großaufnahme zu sehen, entdeckt. Eine solche Inszenierung, der lange Lauf zu einer begehrten Person, hier von der Kamera kongenial eingefangen, kennt man normalerweise nur von Liebesfilmen und ihren klimaktischen Wiedersehen. Es fehlt nur noch die finale Umarmung samt Kuss.

 

HIBANA: SPARK versteht es jedoch immer wieder, diese Inszenierungspraktiken auf die Erzählung von Freundschaften umzuschreiben und subtil mit den Konventionen zu spielen. Tokunaga und Kamiya, die Möglichkeit einer tatsächlichen Liebesbeziehung zwischen den beiden wird dabei übrigens kaum angedeutet, verbringen in den nächsten Episoden viel Zeit miteinander und Spaziergänge wechseln sich ab mit langen Gesprächen über manzai, Montagesequenzen, in denen sie SMS austauschen, und chaotischen, betrunkenen Abenden. Dieses ausführliche Kennenlernen erinnert dabei fast an BEFORE SUNRISE (Richard Linklater, 1995) nur dass es in HIBANA: SPARK durchaus noch andere Handlungsstränge gibt. Der profunde Aufbau der Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren ist dabei natürlich auch im Spannungsbogen der Serie verankert, denn die Nähe, die dadurch zwischen den beiden aufgebaut wird, kann schließlich umso niederschmetternder durchbrochen werden.

 

Auf der Mikroebene einer Episode geschieht dies schon in Folge vier in einer Sequenz, die einerseits die Erweckung von Tokunagas Leidenschaft für manzai und die Gründung der „Sparks“ erzählt, andererseits aber auch die Beziehung zu Kamiya weiterentwickelt. In der besagten Episode hört Tokunaga im Fernsehen, dass die manzai-Legende Hironobu Shinohara des Duos „Itokoi“ gestorben ist. Als eines von Shinoharas berühmtesten Stücke wiederholt wird, überblendet die Serie zu einem Flashback in das Kindheitswohnzimmer von Tokunagas Familie, wo sie gemeinsam über die Witze lachen. Der junge Tokunaga ist in Großaufnahme zu sehen, als er auf einmal aufhört zu lachen, sich kurz umguckt, aufspringt und hinaus rennt. Durch den Regen rennt er zu einem Unterstand, wo sich schon ein anderer Junge, durch ein charakteristisches Muttermal offensichtlich als sein zukünftiger Partner Yamashita zu identifizieren, befindet. Die beiden gucken sich an, lächeln und gehen dann, das Stück aus dem Fernsehen rezitierend, langsam aufeinander zu. Unterlegt mit seichter Gitarrenmusik bleiben sie kurz vor einer Berührung stehen und nehmen die typische Pose eines manzai-Duos ein, nah beisammen, zu einem nicht-existenten Mikrofon nach vorn gebeugt.

 

Auch hier kann man eine fast beispielhafte Liebesszene sehen: ein Zufallstreffen, weil beide den gleichen Gedanken haben, mit dem Regen und der Musik als klar erkennbare externe Marker. Die narrativen Auswirkungen dieser Szene, der Geburtsstunde von den „Sparks“, werden im Folgenden schnell klar: Als sich das Duo in der Gegenwart zum Proben trifft, ist Tokunaga gereizt und genervt von der fehlenden Konzentration seines Partners Yamashita. Um sich zu beschweren, ruft er Kamiya an, der nach einem kurzen Gespräch direkt in den eben gesehenen Dialog von „Itokoi“ einsteigt, wohlwissend um den Tod von Shinohara und die Besonderheit des Tages. Die Verbindung, die einst zwischen den „Sparks“ bestand, wird durch den Transfer des „Itokoi“-Stückes auf Tukonaga und Kamiya verlegt. Eine Verschiebung, die durch die vorherige, initialisierende Szene nur noch stärker hervortritt.

 

Durch den Kniff, dass HIBANA: SPARK eine Geschichte von Freundschaft mit den Konventionen eines Liebesfilms erzählt, ist nicht nur das Grundthema der manzai-Kultur eine Seltsamkeit, auf die sich nicht-japanische Zuschauer einlassen müssen, auch die Form der Serie fordert heraus und unterläuft gekonnt etwaige Vorannahmen.

2 Kommentare zu “Inszenierungen von Freundschaft
  1. Pingback: Das erste japanische Netflix-Original: HIBANA (Nippon Connection 2016) | SchönerDenken

  2. Jahrhunderts, vor allem angesichts der Erfahrungen von Krieg und Verfolgung, in der Freundschaft als Ruckzugsort des sozial entfremdeten Individuums wieder aktuell wurde, liegen bisher nur einige wenige Beitrage vor.

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