Hollywood ist eine Frau

Zeiten der Starsucht in Joseph L. Mankiewiczs ALL ABOUT EVE

 

ALLES ÜBER EVA (Joseph L. Mankiewicz, US 1950) ist alles – nur keine Enthüllungsgeschichte, wie es der Titel suggeriert. Es ist vielmehr eine ‚Ver-Hüllungsgeschichte’. Eva, die nackte Ikone im Paradies, unschuldig nach dem Apfel greifend, scheint der Protagonistin Eve Harrington (Anne Baxter), der Schauspiel-Ikone in Amerikas Theaterwelt und Traumfabrik, grundsätzlich zu widersprechen. Oder etwa doch nicht?

 

Was oder wer ist „die Frau“? Was macht ihren Charme, ihre Abgründe, ihre Kunst aus? Diese Fragen stellten sich nach ALL ABOUT EVE zahlreiche Kritiker, Regisseure und Cineasten. Pedro Almodóvar etwa wählt mit dem Titel seines Films TODO SOBRE MI MADRE (ALLES ÜBER MEINE MUTTER, 1999) eine bewusste Assoziation zu Mankiewiczs Werk. Er umkreist hier den einen empfindlichen Moment, den ALL ABOUT EVE mit seinem chirurgisch präzisen Schnitt mitten durch das konservative Frauenbild der 1950er Jahre freilegte.

 

Dieser Moment in ALL ABOUT EVE ist so fragil, da er keine plumpen Wahrheitsphrasen – oder ‚Ent-Hüllungen’ – freigibt, sondern seine eigene Wahrheit im Reigen von Widersprüchlichkeiten nur kurz aufblitzen lässt und sodann wieder durch offen ausgespielte Vorurteile des Femininen verschattet. Drei Beispiele lassen diesen Moment erahnen.

 

Erstens: Eve Harrington ist jung, attraktiv. Ein Püppchen im Backstagebereich des Broadway. Sie erbittet sich den Weg frei zu dem gefeierten New Yorker Bühnenstar Margo Channing (Bette Davis): Wird ihre Sekretärin und Haushälterin, und auch bald – konstatiert die Erzählerstimme – ihre Mutter und Schwester zugleich. So verkörpert Eve in der ersten Filmhälfte das weibliche Idol der 1950er Jahre: bewundernd, demütig, unterwürfig bis zur Selbstaufgabe. Doch nur auf den ersten Blick. Denn wer ist ihr Gegenüber, die Projektionsfläche ihrer Bewunderung und Demut? Kein Mann – eine Frau, Margo.

 

Zweitens: Bill (Gary Merrill), Margos jüngerer Geliebter, ruft einmal aus dem Streit heraus, sie quäle ihn und sich selbst mit „pathologischen Anfällen“. „Pathologisch? Ich weiß gar nicht, was das bedeutet“, entgegnet der Theaterstar Margo. Ist diese Antwort ein Bild der idolisierten weiblichen Unschuld? Oder artikuliert sie sich vielmehr aus einem Schutzwall heraus – gegen das maskuline Frauenverständnis und dessen Terminologie der Hysterie, falschen Empfindlichkeit, maßlos überspielten Dramatik. Alles pathologisch verankert, versteht sich.

 

Drittens: Eve, die sich derweil rehäugig zum neuen Starlet am Broadwayhimmel aufschwingt, spielt ihre Absichten, bald auch Hollywood zum Schaden von Margo zu erobern, in einer Unterredung mit ihrer unfreiwilligen Mäzenin erstmals offen aus. Daraufhin beschreibt ihr Tischnachbar dieses Gespräch als Unterhaltung „Auge in Auge von Mann zu Mann“. Später wird ihre Unterredung unterdessen als von „Gangster zu Gangster“ beschrieben. Oberflächlich will man hier die ‚Ent-Hüllung’ femininer zugunsten maskuliner Eigenschaften beobachten.

 

Doch weit gefehlt. Insofern dieses dritte Beispiel zeigt: Der banalste Moment ist gleichzeitig der fragilste von allen. Denn er enthebt die Narration auf eine Metaebene. Eve ist in diesem Moment weit von jedem typisch maskulinen Gehabe entfernt. Stattdessen inkarniert sich in ihr die gesamte Hollywoodesque Filmbranche der 1950er. Eve ist an dieser Stelle weder „Mann“ noch „Frau“. Sie ‚ist’ das „Reden“ über Fiktion und Realität, über Erfolg und Versagen, über die ewige Abfolge von Starlet zu Starlet zu Starlet.

 

Letztlich verschmilzt die Figur Eve mit der nackten Ikone Hollywood – der Mutter und Brutstätte des amerikanischen Films: Sie greift nach der Verführung und ist paradoxerweise zugleich selbst Verführerin. Mankiewiczs Werk ALL ABOUT EVE versteht sich somit als Blick in den Spiegel, der es selbst hervorgebracht hat – ein Blick, der nicht blind ist für die feinen Risse im Glas.

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