Good morning guys, it’s Mae Holland

Vielversprechender Stoff, enttäuschendes Ergebnis

 

THE CIRCLE von James Ponsoldt ist ein authentisches Follow-me-around mit Emma Watson, aber kein so nachhaltig bewegendes Kinoerlebnis, wie es hätte sein können. Das Thema böte genug Potenzial, eine schauerhafte Dystopie zu visualisieren und mehr zu sein als eine knapp zweistündige Unterhaltung mit moralisch erhobenem Zeigefinger.

 

 

Wenn die Buchvorlage bereits Mängel hat, wie hoch stehen dann die Chancen für einen darauf aufbauenden Film, als „besonders wertvoll“ eingestuft zu werden? Nach Meinung der Deutschen Film- und Medienbewertung offenbar sehr gut. Als genau das erachtet sie nämlich THE CIRCLE (USA 2017), eine eigentlich vielversprechende Dystopie mit den lebensbestimmenden Themen einer voll-digitalisierten Welt und permanenter Überwachung. Noch dazu mit einem vielversprechendem Cast: Emma Watson spielt Mae Holland und damit getreu ihrem bisherigen Rollenmuster eine selbstbewusste junge Frau in dem mächtigen, von Männern geführten Internet-Konzern „The Circle“. Einer dieser Männer ist Eamon Bailey, der Steve Jobs des Unternehmens, gespielt von Oscar-Preisträger Tom Hanks. Lässig mit Kaffeetasse in der Hand und einer Menge Charisma überzeugt er in regelmäßigen Keynotes seine Angestellten von den visionären Ideen einer totalen Transparenz, denn: „Knowing is good. Knowing everything is better.“ Ein lächerlicher Spruch, der absurd euphorisch von der Belegschaft aufgenommen wird, inklusive Mae Holland. Dabei scheint sie zu Beginn, wenige Tage nach ihrer Anstellung, noch überfordert mit den sechs Monitoren, dem akribischen Socializing im Unternehmen und dem offenbaren Leitgedanken, dass sharing caring sei.

 

Die Filmschaffenden erhofften sich wohl einen ebenso großen Erfolg, wie er Autor Dave Eggers mit dem gleichnamigen Roman im Jahr 2013 vergönnt war. Das Publikum liebte das Buch, katapultierte es auf die Bestseller-Listen und lobte es gar als modernes „1984“. Kritiker hingegen waren geteilter Meinung. Ijoma Mangold urteilte in der ZEIT, das Buch erfülle „bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane: eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse […]“. Leider lassen sich diese Sätze 1:1 auf James Ponsoldts Film übertragen. Da hilft selbst Emma Watson als Zugpferd nicht, schon gar nicht, wenn selbst der so charakteristische, charmante britische Akzent dem Amerikanischen weichen musste.

 

Die Story ist oberflächlich und eine ziemlich platte, offensive Visualisierung vorhersehbarer Ereignisse. Eingeführte Figuren verlieren sich in der Erzählung und Mae Holland kann sich nicht so recht entscheiden zwischen Skeptik und übertriebener Leidenschaft gegenüber dem Ziel des Unternehmens, nicht nur Kameras im öffentlichen Raum, sondern auch in privaten Sphären der Menschen zu installieren. Zu Beginn ihrer Karriere ist sie euphorisch, dann hegt sie erste Zweifel, bricht unkontrolliert in Tränen aus, obwohl noch gar nichts passiert ist. Aber plötzlich ist alles wieder gut, schließlich arbeitet sie ja in einem der coolsten Unternehmen weltweit (wie bei Google und Apple können Mitarbeiter hier auf dem Firmengelände Sport treiben und sich als Mitglieder eines exklusiven Clubs selbst feiern). Die Euphorie verdrängt den Zweifel spätestens dann, nachdem sie am eigenen Leib erfahren musste, wie praktisch totale Überwachung eigentlich sein kann. In einer naiven Aktion fährt Mae nachts bei Nebel mit ihrem Kajak auf die stürmische See in San Francisco Bay. Ohne Rettungsweste natürlich. Sie paddelt stur an der unruhigen Kamera vorbei, diese bleibt bedeutsam auf einer gelben, im Wasser schwankenden Boje ruhen und erklärt dem Zuschauer das Offensichtliche: Filmfigur ignoriert Grenzboje und begibt sich in Gefahr. Gleich wird ein Unheil geschehen. Dass Mae kurz darauf mit einem Schiff zusammenstößt und kentert, ist nicht die einzige vorhersehbare Aktion im Film. Aber Gott sei Dank sind überall kleine Kameras montiert – natürlich auch an der Boje –, die einen frühen Tod der Protagonistin verhindern und aus ihr einen völlig neuen Menschen machen. Plötzlich verspürt sie extreme Lust dazu, Modell für ein 100 Prozent transparentes Leben zu sein und weltweiten Followern ihren Tag und damit die vermeintlichen Vorteile eines solchen Lifestyles zu präsentieren („Good morning guys, time to wake up“, „Hi guys, this is me brushing my teeth“). Dieser Moment im Film ist wiederum löblich komödiantisch, nimmt er darin zumindest die sinnfreien „Follow-me-around“-Videos junger YouTube-Mädels aufs Korn, mit Emma Watson als durchaus passende Influencerin.

 

Wenn der Film so etwas wie einen Sog entwickelt, dann nur deshalb, weil er ein relevantes, gegenwärtiges Thema aufgreift und vermutlich bei einem großen Teil der Menschen Interesse weckt: Die Digitalisierung des Alltags und ihre Konsequenzen sowie die Entwicklung in Richtung Überwachungsstaat. Aus dem Stoff hätte durchaus eine kluge, ernstzunehmende Dystopie werden können, eine, die in einer subtileren, unter der Oberfläche brodelnden Dringlichkeit vermittelt, wie wichtig Privatsphäre und wie gefährlich unreflektierte Partizipation ist. Eine, die den Zuschauer mit einem beklemmenden Gefühl und starken Bildern im Kopf entlässt, solche, die auch noch Tage nach dem Kinobesuch aufblitzen, wenn im U-Bahnhof die Überwachungskamera ins Blickfeld fällt, Facebook-Freunde ihre Standorte teilen oder Slogans wie „Digital First, Bedenken Second“ auf knallbunten Wahlplakaten entgegen leuchten.

 

THE CIRCLE erinnert an Serien wie Black Mirror, eine offensive Medienkritik, die in ihren Ansätzen zwar nicht schlecht ist, jedoch zu überspitzt scheint, um Zuschauer gänzlich für sich einzunehmen. Es wäre besser gewesen, Ponsoldt hätte sich im Filmscript weniger stark an der Romanvorlage orientiert, sondern den Mut gehabt, davon abzuweichen. Doch selbst frei erfundene Elemente wirken eher lächerlich als glaubwürdig. Zur Spitze treibt das eine der letzten Szenen: Mae, eloquent und charismatisch, hält eine Keynote. Firmenboss Bailey hat sie an Kreativität und Innovation längst überholt. Zufällig fällt der Strom aus, es wird schwarz. Aber das macht nichts, denn schon strecken hunderte von Mitarbeitern ihre Smartphones in die Luft und spenden romantisches Licht wie bei einem Robbie Williams Konzert. Mae lächelt stolz und dankbar in die Menge loyaler Mitstreiter, der Zuschauer schämt sich angesichts dieses pathetischen Moments eher leicht fremd.

 

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