Gegen Genrekonventionen

Weltweit feiern Festivals den NACHTMAHR. Ein ziemliches Glück, denn beinahe hätte es den Film überhaupt nicht gegeben.

 

Alles beginnt mit einer Warnung: vor stroboskopischen Effekten, isochronischen Tönen, binauralen Frequenzen. Im schlimmsten Fall könnten gesundheitliche Schäden die Folgen sein, wenn man sich den folgenden Film zu Gemüte führt. „Wie auch immer … dieser Film sollte laut abgespielt werden!“ Was der deutsche Regisseur AKIZ aka Achim Bornhak seinem Film DER NACHTMAHR (D 2015) als eine Art Prolog vorausschickt, lässt sich als Grundsatz für das gesamte Werk verstehen: Beides ist ungewöhnlich.

 

 

Auf dem Filmfest München 2015 feierte DER NACHTMAHR seine Weltpremiere. Auf über 35 Festivals weltweit konnte man den Film seitdem bestaunen. Publikum und Feuilleton feiern den Film einstimmig – nur bei der Genrezuweisung ist einiges unklar: Coming-of-Age-Story, Gruselfilm, Psychodrama, Horrorgeschichte, Fantasyfilm, Partyfilm, Drogenfilm, Mysterydrama. DER NACHTMAHR scheint vieles zu sein, immer aber mit „Mut zu Neuem“ (Merkur, 27.5.2016). Aber von Anfang an:

 

Bereits 14 Jahre vor Filmstart entwickelte AKIZ seine Ideen zu einem Wesen, entwarf Skizzen und fertigte erste Skulpturen von ihm an. Im Laufe der Jahre perfektionierte er seine Kreatur immer mehr, bis sie sich sogar mit Hilfe eines Puppenspielers mechanisch bewegen ließ – der Nachtmahr war geboren: eine etwa kniehohe Mischung aus einem alten Menschen und einem Embryo, mit bleicher, beinah transparenter Haut, durch die dunkelblaue Adern hervortreten. Das Vorhaben, den Nachtmahr in einem Film als Protagonisten auftreten zu lassen, entstand erst in dieser Schaffensphase. Und lange Zeit sah es so aus, als ob AKIZ sein Projekt niemals in die Tat umsetzen hätte können: Es fehlte das Geld.

 

AKIZ sprach bei sämtlichen nationalen Produktionsfirmen vor, die seiner Ansicht nach auch nur im Entferntesten offen für einen experimentellen Film sein könnten – ohne Erfolg. „Wenn so etwas als Film funktionieren würde, dann hätte es so etwas auch schon gegeben“, lautete die Begründung der meisten Produzenten für ihre Absage. Das erzählte AKIZ nach dem Screening des Dokumentarfilms DER NACHTMAHR – UND WIE ER ZUR WELT KAM (Ricki Bornhak, 2016) auf dem diesjährigen Filmfest München. AKIZ’s Geschichte lag wohl „zu fern von den Genres, die man aus den Kinos so kennt“. Obwohl der Plot zunächst recht konventionell daherkommt: Es geht um die 17-jährige Tina (Carolyn Genzkow), die immer öfter eine gruselige kleine Gestalt sieht, die sonst niemand wahrnimmt. Aber trotz dieses vermeintlich unspektakulären Plots habe AKIZ zu seinem Film schon viele Interpretationen gehört: von einer an Bulimie erkrankten Protagonistin soll er handeln, oder von deren ungewollter Schwangerschaft, oder aber auch von dem Gott Hades aus der griechischen Mythologie, der über die Toten und die Unterwelt herrscht.

 

Und tatsächlich: DER NACHTMAHR ist gruselig, wenn Protagonistin Tina des Nachts, aufgeweckt durch seltsame Geräusche, im elterlichen Haus in die Küche schleicht und dort ein kurzer Schnitt eine verkrümmte, buckelige Gestalt vor dem Kühlschrank kauernd erkennen lässt.

 

Er ist psychotisch, wenn sowohl Tinas Familie als auch ihre Freunde die Geschichte mit dem Nachtmahr für erfunden halten und der Zuschauer in seiner Unwissenheit alleine gelassen wird. Als Tina eine ambulante Therapie beginnt (bei einem grandiosen Therapeuten, gespielt von Alexander Scheer, der durch sein klischeehaftes Auftreten – ruhige, fast teilnahmslose Gestik und Mimik, immer gewappnet mit Bleistift und einem kleinen Block, in den er in unleserlicher Handschrift Notizen füllt – gepaart mit seinen klischeehaften Phrasen – „Unser Hirn ist das größte Mysterium auf Erden, glauben Sie mir. Und es spielt mitunter üble Streiche mit uns“ – den gesamten Handlungsstrang gleichzeitig in eine fast schon groteske Aura einhüllt), später auch stationäre Behandlung durchleiden muss, verstärkt sich diese Ungewissheit.

 

Aber DER NACHTMAHR ist auch witzig, wenn Protagonistin Tina das immer liebenswürdiger anmutende Gruselviech in lakonischer Teenagermanier um Ruhe bittet, weil sie durch das Chipstütengeraschel des Nachtmahrs die Stimmen aus dem Fernseher nicht versteht.

 

Der Film ist herzerwärmend, wenn Tina mit ihrem Nachtmahr zusammen im Bett fernsieht.

 

Und er ist ganz Coming-of-Age, wenn Tina ihrer vermeintlichen Konkurrentin im Buhlen um die Gunst ihres Schwarms Adam (Wilson Gonzales Ochsenknecht) wüste Beschimpfungen an den Kopf wirft, bei der selbst eine schlagfertige Samantha aus SEX AND THE CITY (1998-2004) applaudieren würde, und die zur selben Zeit aber vor jugendlicher Unsicherheit nur so strotzen. Ebenso, wenn sie aus dem spießbürgerlichen Berliner Vorstadtleben durch exzessive Partys mit reichlich Alkohol und Drogen auszubrechen versucht.

 

Der Film ist surreal, wenn Tina wiederkehrende Alpträume plagen, in denen sie von ihren Eltern und Ärzten in eine Psychiatrie eingewiesen wird, und dabei ihr Zimmer durch eine kniehohe Türe betreten, oder besser: bekriechen muss.

 

Er ist provokant, wenn Tina die Gäste ihrer Eltern in einem weißen kurzen Kleid mit einer sich deutlich darunter abzeichnenden schwarzen Unterwäsche empfängt.

 

Man wird müde, wenn man versuchen möchte, den NACHTMAHR über seine vielen verschiedenen Genreelemente zu definieren. Müde, weil es unnötig ist. Der Film ist so vieles, besitzt so viele Facetten zugleich (zum Teil in ein und derselben Szene), besitzt so viel Neues, so viele neue Genremontagen – warum es also nicht einfach bei dieser Erkenntnis belassen? Warum versuchen, den NACHTMAHR trotz dieser Feststellung einem oder zweien dieser althergebrachten Filmgattungen zuzuordnen, wie es die vielen Feuilletonartikel und Filmkritiken tun?

 

„Wenn man sich von dem Widerstand beeindrucken lässt, würde es nie etwas Neues geben!“, ergänzte AKIZ seine Erinnerungen an das zähe Klinkenputzen bei den Produktionsfirmen. Und Recht hat er. Das deutsche Kino nimmt entgegen den Prognosen der Produzenten gerne Neues auf. Dieses Neue ist keinem der konventionellen Genres mehr zuzuordnen. Genauso wie das Wesen des Nachtmahrs unbestimmbar bleibt: Existiert es nun in der realen Welt oder doch nur in Tinas Einbildung? Es geht nicht nur um die Figur des Nachtmahrs, sondern um den (neuen) Film als Nachtmahr. Die omnipräsente Genrefrage der Feuilletonisten wird durch diese Idee des Neuen und Unbestimmbaren überflüssig. Allenfalls kann sie noch als Distanzierung des NACHTMAHRS zu den etablierten Genrekategorien nützlich sein.

 

In der Tat sollte, ja muss der Film laut abgespielt werden. Nicht nur, damit die dröhnenden Bässe der vielen Partysequenzen ihre volle Wirkung entfalten können, sondern auch, um dem gesamten Film gerecht zu werden. Denn durch das Neue ist der Film ganz einfach laut.

 

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