Exil in Südamerika

FILMFEST MÜNCHEN 2016

 

Die Abwesenheit des Meeres und heruntergekommene Bars – über DÍAS EXTRAÑOS und A CIDADE ONDE ENVELHEÇO

 

Die Themen Einwanderung, Migration und Exil sind momentan omnipräsent, wobei es vor allem um die Geflüchteten geht, die zurzeit in Europa ankommen. Zwei Filme des diesjährigen Münchner Filmfests behandeln genaue diese Themen, jedoch nach Südamerika verlagert und neben vielen Ähnlichkeiten mit unterschiedlichem Resultat. Besonders A CIDADE ONDE ENVELHEÇO (Marília Rocha, BR/PO 2016) kehrt dabei das übliche Narrativ um und porträtiert zwei Portugiesinnen, die im Zuge der Finanzkrise der 2000er wegen besserer Aussichten auf Arbeit nach Belo Horizonte in Brasilien auswandern. Auch DÍAS EXTRAÑOS (Juan Sebastián Quebrada, ARG/COL 2015) erzählt von Exilanten, hier ist es jedoch ein junges Paar aus Kolumbien, das es intrakontinental nach Buenos Aires verschlagen hat. Wie verhandeln diese Filme Heimat und Fremdheit, und auf welche Weise strukturieren die Themen die Geschichten?

 

 

Obwohl in beiden Filmen die Protagonisten und ihre Beziehung im Vordergrund stehen, ziehen sich die Themen ihrer Auswanderung deutlich durch die Geschichten, tauchen immer wieder an die Oberfläche. In DÍAS EXTRAÑOS, Juan Sebastián Quebradas in kräftigem Schwarz-weiß gefilmten Abschlussfilm der Filmhochschule Buenos Aires, ist das Exil auf den ersten Blick sogar fast eine beiläufige Nebenspur und eher die sich ändernde Dynamik des Paares Luna und Juan im Zentrum. Trotzdem scheint das Thema in der zunehmend ausufernden Beziehung immer mitzuschwingen, so persifliert Juan einmal den in ihren Ohren komischen, argentinischen Dialekt, oder sie treffen mit einer Chilenin und einem Chinesen andere Immigranten. Aus diesem Subtext entwickeln sich zwei Schlaglinien: Einerseits scheint sich die Fremdheit des Paares befreiend auszuwirken, die beiden gehen auf Partys, können sich daneben benehmen und ihre Sexualität mit anderen Partnern ausleben. Anderseits scheinen sie jedoch auch isoliert und die Begegnungen mit anderen Einwanderern bleiben der einzige wirkliche Kontakt zur Außenwelt. Sie sind noch nicht wirklich angekommen, sie haben sich selbst, doch nicht viel mehr.

 

Der Film fängt dies mehr oder weniger nüchtern ein, lange Einstellungen und eine realistische Handkamera-Ästhetik paaren sich mit den farblosen, kontrastreichen Bildern. Wie Regisseur Quebrada im Q&A nach der Vorstellung anmerkte, hat er dies als bewussten Kontrapunkt zu den üblichen, farbenfrohen Repräsentationen Lateinamerikas eingesetzt und tatsächlich zeichnet der Film ein anderes Bild als zum Beispiel der ebenso im Programm gezeigte ARGENTINIA (Carlos Saura, ARG/FR/ESP 2015). Hinterhöfe, Straßenecken und heruntergekommene Bars korrespondieren mit den oben angesprochenen emotionalen Zuständen, doch genau wie die Beziehung von Luna und Juan am Ende ins Nichts verläuft, hinterlässt auch der Film nur eine ungefüllte Leere. Vielleicht ist genau diese Korrelation zwischen Form und Inhalt das Ziel – als Zuschauer verlässt man den Saal jedoch mit dem Gefühl, dass das vorhandene Potential nicht vollends ausgeschöpft wurde.

 

A CIDADE ONDE ENVELHEÇO hebt das Thema Migration hingegen deutlicher in den Mittelpunkt: Die Portugiesin Francisca wohnt schon seit Längerem in Belo Horizonte, ihre alte Bekanntschaft Teresa kommt neu im Land an und zieht zunächst bei ihr ein. Anhand der Beziehung der beiden Freundinnen entwickelt der Film nun eine anhaltende Reflexion über den Prozess des Ankommens, über das Freisetzen der Möglichkeiten und eventuelle Schwierigkeiten. Während Teresa anfangs die Energie der ersten Wochen erlebt, hat sich bei Francisca bereits ein profundes Heimweh eingeschlichen und ihre Entscheidung, Brasilien wieder zu verlassen, fungiert auch temporal als Mittelpunkt des Films. Die Gespräche der beiden drehen sich fortan um jenen Konnex aus Heimat und Ferne, aus Misskonzeptionen über Brasilien und die Gründe, zurückzukehren. Eine besondere Stellung nimmt dabei das Meer ein, das im Zusammenhang mit ihrer beider Heimatstadt Lissabon immer wieder erwähnt wird und besonders für Francisca wie ein symbolhafter Sehnsuchtsort erscheint.

 

Belo Horizonte wird ganz im Gegensatz dazu eingefangen, Kreuzungen reihen sich aneinander und die Aussicht von den Bergen um die Stadt zeigen sie im Tal eingekesselt. Als die beiden in einer Szene am Fluss Rio das Velhas sitzen und Francisca darüber redet, wie sehr sie das Meer, das Salz, das nach dem Schwimmen auf der Haut zurückbleibt, vermisst, wird die Differenz sehr deutlich: Im Hintergrund der verschmutzte, giftgelbe Fluss, in dem man definitiv nicht baden kann, in ihren Gedanken die Weite des portugiesischen Atlantiks. A CIDADE ONDE ENVELHEÇO entwickelt aus diesen Gegensätzen jedoch keine unbedingte Spannung, die Konflikte kommen leise daher, und es legt sich eher eine zurückhaltende Lakonie über den Film. Migration bedeutet hier auch immer Entwurzelung, Loseisen, Vermissen.

 

Es sind andersartige Perspektiven, die DÍAS EXTRAÑOS und A CIDADE ONDE ENVELHEÇO auf die Migration nach und innerhalb Südamerikas werfen, mit verschiedenen Fokussen und Ausgängen. Während in DÍAS EXTRAÑOS die angesprochene Leere zurückbleibt, füllt sich diese in A CIDADE ONDE ENVELHEÇO nicht nur mit der komplex erzählten Geschichte von Franciscas Absicht, Brasilien zu verlassen, sondern auch mit der erstarkenden Freundschaft der Protagonistinnen, die durch deren entgegengesetzte Bewegungsbahnen einen bittersüßen Beigeschmack erhält. Es ist diese lakonische Stimmung zwischen Aufbruch, Rückkehr und Ankommen, die A CIDADE ONDE ENVELHEÇO als Film erscheinen lässt, der die weitläufigen Debatten um Migration und Exil um einen vielschichtigen Blickpunkt bereichert.

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