Ein einziges Manifest

Von der Macht der Montage

 

MANIFESTO von Julian Rosefeldt gibt es jetzt zweimal. Die Premiere des Films auf dem Sundance Festival zu Beginn des Jahres hat das abgeflachte Interesse an dem einstigen Videokunstwerk wiederbelebt: Aus Installation und Simultanität wurde Narration, einzig durch die Macht der Montage. Derselbe Inhalt neu montiert – ob das funktioniert?

 

 

Es ist schon eine Weile her, seit Cate Blanchett als Obdachloser zum ersten Mal Fragmente Alexander Rodtschenkos Manifest der suprematistischen und ungegenständlichen Malerei in die verlassene Gegend verkommener Industrielandschaften brüllte. Während die Kamera ihr in einer supertotalen Einstellung folgt, hört der Betrachter sie aus einem der Bildschirme nebenan brüllen: „Fluxus is a pain in art’s ass“. Seit Anfang 2017 ist die 13-Kanal-Film-Installation MANIFESTO (D/AU 2015) von Videokünstler Julian Rosefeldt im Museum Villa Stuck in München zu sehen. Feierte das Werk bereits 2015 Premiere, erregte es zu Beginn des Jahres 2017 eine neue Woge der Aufmerksamkeit. Aus der Videoinstallation mit 13 Bildschirmen, auf denen zeitgleich zwölf Szenen und 13 Facetten von Schauspielkönigin Cate Blanchett projiziert werden, hat Regisseur Julian Rosefeldt einen Film geschnitten. Auf dem amerikanischen Sundance Festival im Januar 2017 präsentierte er erstmals das Ergebnis. Das Kunstwerk, das von seiner Simultanität lebt, wurde in eine neue Version mit aufeinanderfolgenden, statt nebeneinander spielenden Szenen übersetzt. MANIFESTO als Film und MANIFESTO als Installation – ein identischer Inhalt wird in unterschiedliche Form gebracht. Dass das funktioniert steht außer Frage, ebenso jedoch, dass sich die Bedeutung dadurch verschiebt.

 

Das große mediale, internationale Interesse von MANIFESTO ist zum großen Teil der Berühmtheit Cate Blanchetts, Hauptakteurin des Projekts, zuzuschreiben. Rosefeldt hat bereits vor dem Projekt Videoinstallationen dieser Art inszeniert, doch Blanchetts Name allein ist ein dankbares Zugpferd für Aufmerksamkeit. In der Tat, wenn auch nicht überraschend, liefert sie mit diesem Projekt eine Glanzleistung an Schauspielkunst ab. Sie ist konservative Mutter, Puppenspielerin, Nachrichtensprecherin, Punkerin, Arbeiterin, Wissenschaftlerin, Broker – die Rollen könnten unterschiedlicher nicht sein. Nur zwölf Tage Dreh waren für die Umsetzung vorgesehen. An einem Tag war Blanchett adrette Nachrichten-Lady und ranziger Obdachloser zugleich. Gekleidet als letzterer blieb sie selbst beim Lunch und kreischte über den Tisch hinweg ruppig nach Salz: „Gimme the fucking salt.“ Pausen waren für sie dazu da, um zu proben. Die Treue zur Rolle auch während der Mittagspause zahlte sich aus.

 

Ihrem Schauspiel zu folgen ist ein Genuss, ihre Darbietung vereinnahmt die Betrachter so intensiv, dass die zeitgleiche Präsentation der zwölf Szenen, das kontinuierliche, nie endende Stimmengewirr in den akustisch miteinander verbundenen Ausstellungsräumen nicht so sehr ablenkt, wie man befürchten könnte. Ihr Schauspiel stellt die eigentlichen Szenen in den Schatten. Sie bestehen aus nichts anderem als ihrer künstlerischen Performance. Kunst um der Kunst willen. Als Trauerrednerin appelliert sie an die Gäste einer Beerdigung: „Dada is still shit. But from now we want to shit in different colors.“ Ein Trauerwalzer stimmt an, und er wird sich als Ohrwurm über den Rest der Ausstellung hinwegsetzen. Er wiederholt sich wie alles andere und begleitet als Hintergrundmusik die verbleibenden, parallel abspielenden zehnminütigen Szenen.

 

Es sind Kunstmanifeste aus dem 20. Jahrhundert, die das Drehbuch vorgeben und die Darstellerin in alltäglichen Umgebungen in ungewohnter Sprache agieren lassen. Julian Rosefeldt hat sich dabei an avantgardistischen Kunstströmungen und ihren theoretischen Niederschriften orientiert und diese gekürzt und editiert zusammengefügt. Aus schriftlichen Postulaten wurden visuelle Performances, inszeniert in klassischer Hollywood- Kinoästhetik. Mit Futurismus, Surrealismus, Popart, Konzeptkunst, Dadaismus, Situationismus, Kreationismus, Architektur und einigen weiteren übersetzte der in Berlin lebende Künstler Kunstprogrammatiken in audiovisuelle Statements.

 

Auch als eigenständiger Film gelingt die Inszenierung künstlerischer Manifeste: Sowohl Film als auch Installation machen eine jahrhundertealte Kunstdebatte sichtbar, die von zeitgenössischen Intellektuellen angesichts gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen angetrieben wurde und die Auseinandersetzung über eine der wahrscheinlich elementarsten Fragen des Kulturbetriebs projiziert: „Was ist Kunst?“. Doch die Szenen von MANIFESTO mussten für den Film neu arrangiert werden, denn Film lebt von Narration. Zuschauer erwarten, dass etwas passiert. Eingekesselt im Ausstellungsdispositiv der Installation passiert in MANIFESTO jedoch nichts. Also manipulierte Rosefeldt sein eigenes Material. Er schnitt, kürzte, fügte neu zusammen. Er hatte die Macht, sein Werk in ein neues Dispositiv zu betten.

 

Es wurde zur Hommage an Schauspielerin Cate Blanchett, doch es ist zugleich ein Experimentalfilm, der zusammenfügt, was scheinbar nicht zusammenpasst. Geschriebene Sprache wird gesprochene Sprache, in der gepredigt, erklärt, erzählt, geschrieen, gebetet wird. Der Film zeigt weniger simultan als linear Gegensätze, Wiederholungen, Übereinstimmungen im Denken der Künstler des 20. Jahrhunderts auf. Der Betrachter ist nun passiver Zuschauer einer Geschichte aus 13 Teilen und nicht mehr räumlich umgeben von den Stimmen, die ihn mit unterschiedlichsten Auffassungen von Kunst unnachgiebig und repetitiv konfrontieren. Im Kontext der Installation ist der Betrachter umzingelt von den vielen Definitionen, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Die Unentscheidbarkeit, sich auf eine endgültige Definition festzulegen und die Verwirrung darüber, was Kunst ist oder zu sein hat, manifestiert sich in dem Ausstellungsdispositiv der Installation und ist in einer Endlosschleife sicht- und hörbar. Film und Installation transportieren gleichermaßen das diffuse Verständnis darüber, dass Kunst sich einem einzigen Verständnis entzieht. In der Form des 1-Kanal-Films wird diese Bedeutung subsumiert: MANIFESTO von Julian Rosefeldt ist selbst ein einziges Manifest.

 


Bis Mai 2017 war die Installation MANIFESTO im Museum Villa Stuck in München zu sehen. Der Bayerische Rundfunk wird voraussichtlich 2018 die Filmversion des Projekts als Fernsehpremiere ausstrahlen.

Ein Kommentar zu “Ein einziges Manifest
  1. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (12-06-17)

... oder was meinst Du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <blockquote cite=""> <cite> <code> <em> <q cite=""> <strike> <strong>