Dazwischen

Notizen zu BARRY

 

Regisseur Vikram Gandhi führt in seinem Film BARRY (USA 2016) nicht nur durch eine Schule der Demokratie, er inszeniert Demokratie, er baut einen demokratischen Film. Dabei zeigt er eine Figur „irgendwo im Dazwischen“, die wir alle nur als abgeschlossene Politikerfigur kennen: den ,Yes we can! – American’ Barack Obama.

 

 

In einem Politikseminar an der Columbia University im New York der 1980er Jahre wird die Frage nach dem Symbol der Demokratie gestellt. An der Tafel stehen die Namen „Socrates/Plato/Aristotle“. Barry (Devon Terrell) hebt die Hand. Er wird aufgerufen. Er sagt nichts. Er hebt weiterhin die Hand. Das ist das Symbol der Demokratie: die erhobene Hand, das Sich-Melden, das Abstimmen, die Wahl. Der Dozent ergänzt das Bild der erhobenen Hand um einen Speer. Der Speer ist bereit, sticht aber nicht zu. Barrys Verständnis von Demokratie setzt auf das Vertrauen des Bürgers, der genau so viel auf seinen Repräsentanten vertraut, dass er seine Handlungsmacht ausgerechnet an ihn abgibt. Der erhobene Speer ist auch nicht weiter gefährlich, solange das Vertrauen zwischen Wähler und Repräsentant nicht gebrochen wird.

 

Fast noch wichtiger erscheint das, was vor dieser Szene gesagt wird: Als Barry vor der Seminarsitzung frühstückt, wird im Radio durchgesagt: „The Issue today is not the Republicans, it is the republic. Today is not the Democrats, it is the democracy. There’s a crisis in the character of our nation. It is creating tension between the races, tension between the sexes.“ Damit sagt der Film eigentlich schon, um was es ihm geht, nämlich um diese Spannung dazwischen, zwischen den Hautfarben, zwischen den Geschlechtern, kurz: es herrscht Uneinigkeit. Das Zitat trennt in Politik (“republic”, “democracy”) und soziale Effekte (“tension”). Dazwischen aber steht ein entscheidender Satz: “Der Charakter der Nation steckt in der Krise“. Krise oder Crisis meint zwei Dinge: eine Entscheidung und einen Wendepunkt.

 

Den Wendepunkt des Films finden wir vermutlich hier: Ein Straßenverkäufer in Harlem gibt Barry ein Buch und sagt ihm, wie neidisch er auf ihn sei, weil er jetzt das Buch zum ersten Mal lese. Das erste Mal ein Buch zu lesen, ist ein ganz spezieller Moment. Es war Borges, der gesagt hat, ein Buch ist nie dasselbe Buch: Wenn wir ein Buch, das wir schon gelesen haben und deshalb annehmen, dass wir es sehr gut kennen, nach Wochen, Monaten oder Jahren noch einmal aufschlagen, dann halten wir ein ganz anderes Buch in den Händen. Das ist so, weil wir uns verändern. Ein Leser bleibt nicht derselbe Leser. Er verändert sich – durch Erlebnisse, durch Ereignisse. Das Lesen verändert sich. Der Leser verändert sich. Lesen verändert uns. Unser Lesen verändert das Buch. Lesen und Leben korrespondieren.

 

Das Buch, das Barry dem Straßenhändler abkauft, ist nicht irgendein Buch. Es handelt sich um „The Souls of Black Folk“ (1903) von W.E. B. Du Bois, einer Sammlung von Essays, in denen er Beobachtungen zu den Auswirkungen des Rassismus auf das Sozialleben macht, die selbst heute noch geradezu als zeitlos eingeschätzt werden. Das neue Buch ersetzt auch eine alte Lektüre: Zuvor hatte Barry „Invisible Man“ (1952) von Ralph Ellison gelesen, wo es um einen Mann geht, der aufgrund seiner Hautfarbe von seiner Umgebung nicht wahrgenommen wird. Was Barry liest betrifft ihn selbst.

 

Barry erbt den Status eines Grenzgängers aufgrund seiner Hautfarbe. Barry – Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, aufgewachsen in Hawaii, Indonesien, Amerika – kann sich selbst nicht zuordnen. Doch scheint er gerade das Gegenteil von einem unsichtbaren Mann: er wird immer wieder argwöhnisch gemustert. Wenn er durch die Straßen in Harlem geht, starren in die Menschen an, im Seminarraum wird er ,gedisst‘. Immer wieder wird Barry mit dem Thema Akzeptanz und Verweis konfrontiert. Immer wieder wird er von den Plätzen verdrängt, an die er sich begibt. Er kommt nachts an der Universität an, macht Pause auf den Stufen, wird aufgefordert seine Campus-ID zu zeigen. Er hat noch keine, er wird seines Platzes verwiesen und als Zuschauer ist man sich nicht ganz sicher, ob das tatsächlich aufgrund des fehlenden Ausweises passiert. Die Begegnung mit dem Straßenhändler und der Hinweis, dass das erste Lesen etwas Besonderes ist, nein, das Lesen selbst, zeigt den Moment der Veränderung dieser Filmfigur an: „I’m ready for a change.“

 

Eines Abends nehmen ihn seine Freunde mit auf eine Party. Sie kennen sich alle vom Basketball oder „street ball“, dem Sport in Harlem. Die besagte Party findet in einem Sozialbau statt, in dem, wie einer seiner Freunde betont, der Aufzug nie funktioniert; eine Metapher dafür, dass auch der Weg in das ,Soziale‘ ,kaputt‘ ist. Man sucht nach dem amerikanischen Traum, dem sozialen Aufstieg, der Integration, aber die Menschen hier in Harlem stecken fest. Es ist Nacht – der Filmzuschauer bekommt nur die dunklen Seiten zu sehen. Hinter den Wohnungstüren setzen sich Drogenabhängige in einem winzigen Raum den nächsten Schuss. Die nächste Tür zeigt eine andere Welt, aber auch unangenehme Welt, jene Feier, die Barry mit einem blauen Auge verlässt. Er wird regelrecht herausgeprügelt.

 

Barry hat in der Welt der Sozialbauten offensichtlich nichts zu suchen, aber er muss dort hingehen, um die Schattenseiten der Demokratie seiner Zeit zu lesen. Die Filmfigur Barry muss auch einen rassistischen Kommilitonen kennenlernen, eine Freundin aus der weißen konservativen amerikanischen Oberschicht haben, einen Freund aus Harlem, der versucht, in der amerikanischen Wirtschaftswelt aufzusteigen, einen ausländischen Kumpel und Mitbewohner, eine weiße Mutter, einen schwarzen Vater. Der Film ist in der Weise demokratisch, als dass er versucht, uns all die verschiedenen Perspektiven und Meinungen der amerikanischen Gesellschaft zu vermitteln, jeder darf sprechen. Dass diese Figuren eigentlich nur Typen sind, ist Teil eines Films, der ein demokratisches Modell illustrieren will und dabei eine Figur hervorhebt. Nur einer entzieht sich der Typisierung. Nur einer spricht nicht so wirklich: Barry erzählt nichts oder zumindest noch nicht viel. Man kann auch nicht wirklich sagen, wer das ist, wer Barry ist.

 

Gleichzeitig scheint diese Figur immer wieder zu versuchen, sich von all dem loszusagen, eine Unabhängigkeit oder Eigenständigkeit zu entwickeln: Er betrachtet ein Foto von sich und sagt: Das bin nicht ich. In der Fotografieszene geht es genau um das, was eine politische Figur zeichnet: Das Bild einer politischen Figur. In THE KENNEDYS (Jon Cassar, USA 2011) wird darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied zwischen einer Privatperson und dem öffentlichen Bild der politischen Figur gibt. Oder wie Barry meint: „The president’s an actor.“ Barry scheint es aber gerade darum zu gehen, hinter dieses Bild zu kommen. Deswegen lässt der Film Barry auch immer wieder in den Spiegel blicken, nicht als Zeichen der Selbstversicherung, sondern vielmehr als Hinweis auf Selbstverunsicherung.

 

BARRY markiert den Teilausschnitt einer Lebensphase, in der noch nichts entschieden ist. So könnte man sagen, da könnte auch jemand anderes sein, ein anderer junger Mensch, der seinen Weg finden muss. Barry ist „irgendwo dazwischen…nicht genau definiert […] – und genau dieser Mangel an Definition durfte nie in Frage gestellt werden, mußte wie ein Tabu betrachtet werden, was alle taten, ohne es je zuzugeben.“ (Nadine Gordimer in Homi K. Bhabha: „The location of culture“ (1994)) Vikram Gandhis Film geht es gerade darum, das von der Schriftstellerin Nadine Gordimer angesprochene Tabu zu brechen. Das Tabu ist nicht das eine oder andere, sondern Tabu ist, wenn sich etwas nicht einfach zuordnen lässt. Der Film macht das zu seinem Thema, indem er eine Figur thematisiert, die sich nicht ohne weiteres zuordnen lässt. BARRY ist in dieser Hinsicht ein Tabubruch, weil es nicht um das Entweder-Oder geht, sondern um jemanden dazwischen. Damit wird gerade die Differenzierung als Differenzierung in Frage gestellt. Barry entzieht sich dieser Differenzierung und gerade das wird zu seiner eigentlichen Charaktereigenschaft. In der britischen Tageszeitung The Guardian hat man den Film „plotless“ genannt. Aber gerade das ist der Punkt: Barry ist ein Unentschiedener, er ist der Junge auf dem Sprung, die Figur vor der eigentlichen Figur – dementsprechend könnte man vielleicht sagen, es geht auch um den Plot vor dem Plot.

 

Der Film BARRY ist, was sein Format angeht, keine Ausnahme in der gegenwärtigen Filmlandschaft. Vermehrt finden sich Biographien im Kino und hier bei BARRY eben auch das filmische Abtasten einer Figur, die mehr als eine Figur sein will, nämlich fast schon eine Person. Politische und historische Figuren in fiktive Texte einzubauen, ist kein neuer Schachzug, wir kennen das spätestens seit Shakespeares Königen, Schillers Feldherren und selbst die Künstlerbiografie hatte ihren Hype – „dicke, unhandliche Bücher über Tote, vom Glanz des Abschieds veredelte Werke“ hatte sie der Journalist Adam Soboczynski 2009 in einem Zeitungsartikel genannt und dabei auf einen Zeitdiagnostiker der Weimarer Republik, Siegfried Krakauer, referiert: „Die Biografie ist eine Form neubürgerlicher Literatur, sie ist Zeichen von Gegenwartsflucht. Inmitten einer erweichten, unfasslichen Welt bietet sie Orientierung, wo doch jede Orientierung vergeblich ist.“ Unter diesem Blickwinkel wirkt die derzeitige Fixierung auf Künstler-, Wissenschaftler-, Abenteurer- und Politikerleben gleich etwas unangenehm. Der kleine aber feine Unterschied zu BARRY liegt in der Historizität, denn wir haben es hier mit einer gegenwärtigen Figur zu tun, wenn sie auch einer politischen Vergangenheit angehören mag.

 

Die Film- und Medientheoretikerin Vivian Sobhack hat in ihrem Aufsatz „Nonfictional Film Experience“ (1999) eine wesentliche Unterscheidung gemacht: Wir sehen entweder auf einen Film oder wir sehen durch einen Film. Dabei geht es ihr um das Verhältnis von Dokumentation und Fiktion, das abhängig von einem Wissen von der Welt ist, das ein Zuschauer hat. Obwohl bei solchen biografischen Fiktionen Dokumente gar nicht von Belang sind, geht es trotzdem um Referenzen, spezieller: um eine Referenzfigur. Wie kann man sich die Collegejahre eines Barack Obama vorstellen? Was könnte damals passiert sein? Kurz: Wie könnte das Bild, das wir von der Figur Barack Obama haben, entstanden sein? Oder eigentlich: Wie ist Barack Obama Barack Obama geworden? Es handelt sich um biographische Möglichkeiten, die sich ein Film vorstellen kann. Man darf freilich nicht Realität und Fiktion verwechseln, man darf auch nicht sagen, der Film sei ,real‘, denn er kann lediglich realistisch sein. Aber man kommt nicht umhin, die fiktive Obamafigur mit der realen Obamafigur zu vergleichen, weil das Wissen der Realität relevant für einen Film werden kann; wenn nicht bewusst, dann vielleicht unbewusst.

 

Die Frage, warum wir gerade jetzt so viele fiktive Inszenierungen real(historisch)er Figuren ansehen, lässt sich vielleicht gerade damit beantworten, dass uns nicht mehr das Werk oder die Mache dieser Figuren interessiert, sondern das Persönliche, der Werdegang, der Lebenslauf, der von uns im Alltag immer wieder eingefordert wird. Deswegen sehen wir in Fernsehserien auch immer wieder die Karrierewege der Figuren, in die dann das persönliche Leben eingeflochten wird. Vielleicht könnte man es so sagen: Es geht um das Persönliche in der Karriere, nicht um die Karriere der Persönlichkeit. Wir nehmen diese Filme persönlich und deshalb können wir uns auch so sehr über sie aufregen oder eben auch nicht. Die Journalistin Susan Vahabzadeh hat das eine „Personalisierungswut“ genannt. Dabei spricht sie von Künstlerbiografien und fragt explizit nach einer lukrativen Verbindung von bildender Kunst und Film oder spezieller: der Malerei und dem Film. Bei Barry handelt es sich jedoch um eine politische Figur und deshalb scheint es nur logisch, an dieser Stelle nach einer Verbindung von Politik und Film zu fragen.

BARRYWenn Noam Chomskys in den Dokumentarfilm REQUIEM FOR THE AMERICAN DREAM (Peter Hutchison, Kelly Nyks, Jared P. Scott, USA 2015) über Demokratie spricht, dann ist vorwiegend die antike Demokratie sein Bezugspunkt und damit auch jene Namen, die wir bei BARRY an der Tafel des Seminarraums lesen können. Chomsky zitiert Platon und Aristoteles. Sucht man in den Sachbüchern eine Defintion von Demokratie, dann stößt man auf zwei Varianten: eine antike und eine moderne, repräsentative Demokratie (Hans Vorländer: „Demokratie: Geschichte, Formen, Theorien“ (2003)). Chomsky erklärt, dass die antike Demokratie des Aristoteles vorschlug, die Ungleichheit zwischen den Sozialschichten durch Güterverteilung (also Solidarität) zu verringern. Die moderne Demokratie hingegen gehe gerade einen umgekehrten Weg und setzt auf soziale Ungleichheit. An der ersten amerikanischen Führungsspitze stehen dann 1787 auch Händler, Kaufleute, Gutsherren, Vermögende und angesehene Figuren, die Vorfahren der amerikanischen Großkonzerne – keine Volkssouveränität.

 

Eine antike Demokratie kannte (genauso wie Grundrechte oder Meinungsfreiheit) noch keine Parteien, die verschiedene (politische) Gesellschaften repräsentieren. Die Neuzeit ist gerade der historische Punkt großer Expeditionen und Expansionen, wenn man so will, der Startschuss für die Globalität, die die große Frage nach der Einheit und ihren Teilen stellt. Dass Demokratie auf Repräsentation beruht, ist Resultat von Revolutionen und „modernen Gesellschaften“. Gesellschaft charakterisiert sich dann nicht mehr durch eine vertikale Ordnung (in Klassen), sondern durch eine horizontale Ordnung (nach Interessen). Die Revolutionen waren jene historischen Punkte, an denen Politik überhaupt erst wieder demokratisch werden konnte. Die antike Demokratie war zwar eine wichtige Quelle für die Konzeption eines politischen Systems, sie war jedoch kein tragfähiges Modell mehr, weil sich die Gesellschaftsstrukturen verändert hatten. Denn die antike Demokratie ging eher von einer Einheit aus, weniger von einer Vielheit. Der Unterschied zwischen antiker Demokratie und moderner Demokratie besteht nicht nur in einer Umschaltung von einer Gesellschaft auf viele Gesellschaften, sondern auch in dem Lösungsversuch, Gesellschaften in einer politischen – und nicht göttlichen oder monarchischen – Einheit repräsentieren zu wollen. Weil man nicht mehr von einer Gesellschaft ausgehen kann, sondern von vielen Gesellschaften ausgehen muss, entsteht überhaupt erst die Idee repräsentativer Parteien.

 

Während die antike Demokratie aktiv ist und jeder einzelne etwas entscheiden konnte, sei der neuzeitliche Entwurf von Demokratie vornehmlich repräsentativ. Um eine politische Denkart zu repräsentieren, braucht es nicht nur repräsentative Parteien, sondern auch repräsentative Figuren. Politiker, Präsidenten, sind gegossene oder gestanzte Kühlerfiguren, die zwar, bleibt man bei dieser Metapher, ganz vorne am Wagen stehen, ihm sein Image verleihen, aber auch den ganzen Stoßwind abbekommen und als erste dran glauben müssen. Politische Parteien vertreten die politischen Meinungen einer Gesellschaft und zeigen sich durch ein politisches Image. Die Idee der Wahl einer Partei ist es, Repräsentanten für Gesellschaften zu finden. Wie Barry sagt, muss jeder Bürger sein Vertrauen in eine Partei legen, die dann für ihn weiterentscheidet. Es geht also um eine Unmittelbarkeit von Entscheidungen. In einer antiken Demokratie war eine Entscheidung akut und ging auf eine „unmittelbare und direkte Teilhabe des Volkes ins seiner Gesamtheit zurück“ (vgl. Vorländer). In einer modernen Demokratie geht die Entscheidung eines Bürgers den ,Umweg’ über einen politischen Repräsentanten. In der Neuzeit (und dieses Datum ist hier sehr weit gefasst) aber sei eine Volkssouveränität unmöglich, oder wie Vorländer schreibt, “Fiktion”. Man könnte vorsichtig sagen, Demokratie sei fiktiv. Und eben damit wird sie zu einem brauchbaren Narrativ. Wahrscheinlich ist das auch gerade jener Punkt, an dem das (real)politische in die fiktiven Erzählungen eindringt.

 

BARRY zeigt das filmische Bild eines für Politik sensiblen Menschen in einer politisch unsanften Welt. Barry ist nämlich nicht schon Präsident, er ist Student, gerade in New York angekommen, auf der Suche – wonach? Vielleicht Moral, aber was in dem Film unter dem Label „Moralphilosophie“ und unter Vokabeln wie „Freier Wille“ kursiert – das macht die Unterhaltung Barrys mit seinem Mitbewohner klar – meint eigentlich eine Art von Sozialdeterminismus und seine Überwindung. Davon abgesehen geht es dem Film vielleicht um so etwas wie eine Revision, eine Revision der demokratischen Figur Barack Obama. Wir sollen ihn nochmal sehen, aber anders. Was uns der Film zeigt ist nämlich nicht ein Sein, sondern ein Werden: „Before Barack, there was ,Barry‘“.

 

In Lincoln (Steven Spielberg, USA 2012), NIXON (Oliver Stone, USA 1996), W. (Oliver Stone, USA 2012) und HOUSE OF CARDS (USA 2013–) oder DESIGNATED SURVIVOR (USA 2016–)  sehen wir entschiedene Lebensläufe und ihre Krisenbewältigung. Eindeutige Figuren also, die eine feste (politische) Position und ein fixiertes Ziel haben. Sie wissen schon, dass sie Präsidenten sein werden oder sie sind es schon und könnten es bald nicht mehr sein. Es gehört zu einem Film, dass ein Problem auftritt, oder eine Krise herrscht, die bewältigt werden muss, denn nur so entstehen Filmhelden. Gerade deswegen mag BARRY „plotless“ erscheinen, weil die Figur noch nicht gesetzt ist und dann ein Problem hat, sondern das Problem oder die Krise gerade darin besteht, dass er noch nicht eine solche fixierte Figur ist. Deshalb mag BARRY auch wie der Film vor dem eigentlichen Film wirken. Der Film bespricht nicht den Präsidenten seiner erzählten Zeit, denn dann müsste es um Ronald Reagan gehen, sondern er handelt von der Figur, die noch nicht Präsident ist und auch noch nicht weiß, dass sie es sein könnte – es ist noch nichts entschieden.

 

Es sind ganz viele Entscheidungen, die die Identität eines Menschen permanent neu zusammenbauen. Die Entscheidungswut wurde – und hier tritt die ursprüngliche Beziehung zwischen amerikanischer Politik und Wirtschaft zutuage – ja gerade von den großen amerikanischen Konzernen aufgegriffen. In YOU’VE GOT MAIL (Nora Ephron, USA 1999) sagt Joe Fox vom Fox&Sons Superbookstore: „The hole purpose of places like Starbucks is for people with decision-making ability whatsoever to make six decisions just to buy one cup of coffee.“ Man lernt dort also, nicht (nur) einem Konsumverlangen nachzugehen, nein, man lernt Entscheidungen zu treffen oder man wird dazu erzogen, in möglichst wenig Zeit möglichst viele Entscheidungen zu treffen. Das ist vielleicht sogar nichts anderes, als einen Menschen zu einem politisch definierten Menschen werden zu lassen, auch indem man sein Urteilsvermögen schult, ihn mitentscheiden lässt. „They get not just a cup of coffee but an absolutley defining sense of self.“ Ich definiere mich dadurch, welchen Kaffee ich trinke, aber auch dadurch, welche Kleidung ich trage oder eben dadurch, welche Partei ich wähle. Und hier kommen zu einem Punkt, den Joe Fox nicht bedenkt, jedenfalls nicht offensichtlich: ich kann mich auch für alles entscheiden: einen “Mocca choclate caramel swirl-a-chino with extra wip cream” bestellen. Ich kann aber auch eine Partei verändern oder gar zu einer Parteigründung beitragen. “I believe in people creating change”, meint Barry.

 

BARRY diskutiert, was moderne (Parteien-)Politik ausmacht: Entscheidung und Repräsentation, aber gerade dadurch, dass er sie umkehrt: bei Barry geht es um Unentschiedenheit und Nichtrepräsentierbarkeit (an dieser Stelle nochmal der Verweis auf die Fotografieszene). Der Film BARRY mag ereignislos erscheinen. Man muss eine andere Perspektive einnehmen, um den Plot zu sehen. Worauf ich jetzt referiere, bezieht sich auf einen ganz anderen Sachverhalt, aber er macht den Gedanken eines Zwischenmoments anschaulich: Borges lässt in „Das geheime Wunder“ (1943) seinen Protagonisten erschießen. Für den Protagonisten vergehen zwischen dem Schuss und seinem Tod zehn Jahre. Für alle anderen liegt jedoch nur der Bruchteil einer Sekunde dazwischen. Sie sehen den eigentlichen Plot gar nicht, sie sehen nur das Ereignis. Bei BARRY sehen wir genau das: den Moment zwischen Vorher und Nachher. Wir sehen aber auch, dass Barrys Zwischenstatus essentiell ist. Denn eigentlich geht es hier gerade um einen Tabubruch, nämlich um das akzeptierte Dazwischen. Das akzeptierte Dazwischen ist das, was Barry als Figur auszeichnet und ihm schließlich seine Identität gibt: „It makes you american.“

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