Auf den Spuren der (Film-)Bilder

Bilder und Buchstaben zwischen Leben und Tod in Raul Garcias EXTRAORDINARY TALES

 

Wie erweckt man beschriebenes Papier zum Leben? Wie verflüssigt man die starren Linien der Text gewordenen Buchstaben, sodass sie schließlich in Bildern, Erzählfolgen, Filmszenen aufgehen? Der spanische Regisseur Raul Garcia nimmt uns mit EXTRAORDINARY TALES (B/LUX/E/F 2015) mit auf den Grund und Boden dieser Fragen aller Fragen, seit es Filme gibt: Wie können Geschichten Bewegung, Worte Zeit und fiktive Figuren Körper werden?

 

 

Tatsächlich waren die ersten Spielfilme gewissermaßen ‚Literaturfilme‘. Sie sogen regelrecht Stoffe aus der romantischen Literatur auf: Hofmannsthal, Chamisso, Novalis. Deren Motive zwischen Alpträumen, Spiegelbildern und verlorenen Schatten boten dem sich seit 1895 behauptenden Medium Film den Werkzeugkasten zur Erprobung des Neuen. Die (buchstäblichen) Lichtbilder bannten erstmals den Körper beziehungsweise die imaginären, geisterhaften Emanationen des Körpers auf das Material der Filmstreifen, konnten ihn erscheinen, verschwinden oder traumhaft über Straßen wandeln lassen.

 

Die französischen Filmemacher der 1920er Jahre nahmen insbesondere die Erzählungen des US-Amerikaners Edgar Allan Poe, welche zumindest in dessen früher Schaffensphase maßgeblich von der deutschen Romantik beeinflusst waren, zum Anlass ihrer kinematographischen Experimente. So auch Jean Epstein, ein früher Verfechter der französischen Avantgarde. Er machte mit seiner in Filmstreifen gefassten Hommage an Poes THE FALL OF THE HOUSE OF USHER (1839) die Grundfragen des Filmens selbst – die Fragen nach Bewegung, Zeit und Körper – zum Thema. Vorüberziehende Nebelschwaden, sich im Mondschein windende Äste, hastige Schritte auf dunklem Boden: Die Filmbilder der französischen Avantgarde erprobten ihre eigenen Existenzformen an den ebenso komplexen wie dunklen Erzählungen Poes. Den Grund dafür meint der Filmtheoretiker Oliver Fahle gerade darin zu erkennen, dass „Poes sprachliche Erschaffung von Bildern selbst an die Grenzen der Sprache vorstößt, um Raum für Sichtbares zu erschließen, das sich vielleicht erst im Medium des Films angemessen realisieren lässt.“

 

Zwischen Poe und Epstein (oder genereller: zwischen bildnaher Literatur und literaturnahem Film) verwischen Bild und Buchstabe ihre Spuren und kämpfen mit ihren Grenzen. Es ist ein Kampf um Leben und Tod – um Leben und Tod der Wahrhaftigkeit und der sogenannten Originalität –, wo Wörter Bilder werden wollen. Ebenso verhält es sich mit den Körpern, die sich im Medium der Filmbilder wiederfinden. Diese Spannung an den fragilen Grenzen zwischen Bild gewordenem Körper, körperlosem Wort und bebilderten Worten treibt Raul Garcia mit EXTRAORDINARY TALES auf die Spitze. Das Sprechen über Tod und Leben und deren (wörtlich) narzisstischer Verdopplung verknüpft die einzelnen Sequenzen seines Films auf einzigartige Weise: In dem Medium der Tonspur, welche den ersten Spiel- und gleichzeitig Stummfilmen noch vorenthalten war, erweckt Garcia den (buchstäblich) sprechenden Raben Nevermore aus Poes bekanntem Gedicht zum autobiografischen Storyteller.

 

Und mehr noch: die Erzählsequenzen, je von Nevermore eingeleitet, gleiten in eine traumhafte und als solche unverkennbar romantische Sphäre hinein. Als tales überführen sie Nevermores autobiografische oder vielmehr autophilosophische Rede über Beginn und Ende des Lebens in bildhafte Körperlichkeit: Gebäude, Gesichter, Hände, Blut. Sie animieren auf der Leinwand, was die auf Papier fixierte Sprache in den Vorstellungsraum projiziert. Animieren – wie das lateinische animus besagt: zur Bewegung, zum Leben, aber auch zum Geisterhaften erwecken – im ganz wörtlichen und technischen Sinne. Garcia führt fünf Kurzgeschichten Poes in fünf verschiedenen Animationsstilen und einer anthologischen Ordnung vor: THE FALL OF THE HOUSE OF USHER (1839), THE TELL TALE HEART (1843), THE FACTS IN THE CASE OF M. VALDEMAR (1845), PIT AND THE PENDULUM (1842), THE MASQUE OF THE RED DEATH (1842).

 

Im Hinblick auf seine Erfahrungen in den Trickfilmstudios von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (1992) und KÖNIG DER LÖWEN (1994) sowie auf Garcias Karriere als Animations- und Kurzfilmemacher entfaltet EXTRAORDINARY TALES ein volles Spektrum der Animationsstile: angelehnt an das sequentielle und farbig-plakative Erzählen im Comic mit Blick auf THE FACTS IN THE CASE OF M. VALDEMAR, an die Bewegung suggerierenden Schraffuren von Grafiken, welche THE FALL OF THE HOUSE OF USHER in Filmbilder fassen oder aber in realitätsnaher Manier im Stil des klassischen Spielfilms, der Garcias filmische Interpretation von PIT AND THE PENDULUM durchzieht. Jeder der fünf Kurzgeschichten ist ein spezifischer Animationsstil zugeordnet, der versucht, dem Wesen der erzählten Worte nachzuspüren.

 

So erprobt Garcia an Poes bildnaher Literatur, was es heißt, wortgetriebene (Film-)Bilder zu machen. Die Figuren der Poe’schen Erzählungen geraten gemäß des animus zu lebenden Schatten, Geistern ihrer selbst und werden sich durch die exponierte Erprobung der Stile in EXTRAORDINARY TALES gleichsam ihrer Medialität, ihrer bildhaften Erscheinung und geisterhaften Animierung bewusst. In diesem Sinne reiht sich der Spanier Garcia in das Vermächtnis der französischen Avantgarde ein – in die technische Reflexion des Mediums Film. Poe schreibt davon, was später Epstein bis Garcia im Projektionslicht des Kinosaals vorführen: den schmalen Grad zwischen Bild und Körper, Wort und Bild, Leben und Tod.

 

And the raven, never flitting, still is sitting, still is sitting

On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;

And his eyes have all the seeming of a demon’s that is dreaming,

And the lamp-light o’er him streaming throws his shadow on the floor;

And my soul from out that shadow that lies floating on the floor

Shall be lifted – nevermore!

 

Extraordinary Tales? – Extraordinarily told!

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